Anselm Devrient

Am Abend des 8.November 1989 sahen wir die vom Fernsehen übertragene Pressekonferenz, in der Günter Schabowski die neuen Reisemöglichkeiten für DDR-Bürger bekannt gab. Nach Genehmigung durch die Volkspolizei (Stempel im Ausweis) könnten die Ausreisewilligen sofort fahren. Auf die von einem italienischen Journalisten gestellte Frage, wann die Regelung in Kraft treten würde, antwortete er nach Durchsicht seiner Unterlagen, dass dies unverzüglich der Fall sei. Meine Frau und ich schlossen daraus,

dass die ersten Ostberliner dann im Laufe des Vormittags in Westberlin ankommen würden und begannen unsere Nachtruhe.

Am nächsten Morgen klingelte um 6 Uhr das Telefon. Ich sprang sehr unwirsch auf und fragte, wer denn so früh am Telefon sei. Zu meiner großen Überraschung war es unsere Freundin Carla aus Kentucky, die mich aufforderte das Fernsehen einzuschalten und mir mitteilte, dass die Ostberliner auf der Mauer am Brandenburger Tor tanzten und

feierten. Ich konnte es kaum glauben, aber es war wirklich so. Kleinlaut und beschämt musste ich zugeben, dass wir den Fall der Mauer schlicht und ergreifend verschlafen hatten und uns ausgerechnet jemand aus dem 6000 km entfernten Kentucky auf diese Tatsache aufmerksam gemacht hatte. Des Rätsels Lösung war, dass CNN die Öffnung direkt von einer Station am Brandenburger Tor zeitnah in die Staaten übertragen hatte.

Anselm Devrient