Andrea Wicklein

Wie ich den 9. November 1989 erlebt habe:

Am Abend des 9. November besuchte ich eine Vorstellung in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Das war ein besonderer Abend, weil mein Mann und ich nicht all zu oft die Gelegenheit hatten, in die Oper zu gehen. An das Stück kann ich mich nicht mehr erinnern. Im Gedächtnis ist mir eine merkwürdige Unruhe in der Pause geblieben sowie die vielen freien Plätze zu Beginn des 2. Aktes. Erst als wir auf dem Rückweg von Berlin nach Potsdam das Autoradio einschalteten, konnten wir unseren Ohren kaum trauen. Uns erreichte die Nachricht von der Pressekonferenz mit Günther Schabowski und von geöffneten Grenzübergängen. Diese Nachricht war für uns so unglaublich und unfassbar, dass sie uns nicht wirklich erreichte. Wir setzten unbeeindruckt unseren Weg nach Hause fort. Schließlich wartete dort der "Babysitter", den wir für unseren damals 7- jährigen Sohn engagiert hatten.

Zu Hause angekommen, schlief unser Sohn friedlich. Alles schien so wie immer. Bis das Telefon klingelte. Am anderen Ende hörten wir die aufgeregte Stimme eines Freundes aus Westberlin, der zwei Jahre zuvor ausgereist war. Er fragte uns, wo wir denn blieben. Er wartete bereits mit anderen Freunden aus Potsdam und geöffnetem Champagner auf uns. Jedoch, das Unfassbare drang immer noch nicht zu uns durch. Wir blieben bei unserem schlafenden Sohn.

Am nächsten Morgen fuhr mein Mann wie gewohnt zur Arbeit. Christian, mein Sohn, ging zur Schule und ich schaltete den Fernseher an. Erst jetzt fing ich an, zu begreifen, was sich in der Nacht ereignet hatte. Überwältigt von den Bildern, saß ich fassungslos und weinend vor dem Fernseher.

Erst am Abend des nunmehr 10. November wagte ich gemeinsam mit meinem Sohn, meiner Schwester und meinem Neffen den Schritt über die noch einen Tag zuvor unüberwindbare Grenze nach Westberlin. Die Glienicker Brücke, die Brücke der Einheit, die ich bislang nur vom Schloss Babelsberg aus betrachtet hatte, als sei sie auf einem anderen Stern, wurde geöffnet.

Das Groteske an dieser Situation war, dass mein Neffe genau an diesem Tag seine Ausreisepapiere in den Westen erhalten hatte. Die Freude, der Jubel und der herzliche Empfang auf der anderen Seite der Brücke werden mir immer in Erinnerung bleiben.

In die Euphorie des Abends, in die überbrandende Freude über die gewonnene Freiheit, in die Neugier und Lust auf das neue Leben mischten sich aber auch erste Gefühle von Sorge über die Zukunft. Über das, was uns in der neuen Welt erwarten wird.

Viel hat sich seit dem für die Menschen in unserem Land verändert. Ich bin heute Abgeordnete im Deutschen Bundestag, mein Sohn lebt und arbeitet in der Schweiz und mein Neffe ist in seiner Heimat geblieben.

Seit dem 9. November 1989 haben sich viele Sehnsüchte, Träume und Erwartungen erfüllt. Einige wurden auch enttäuscht. Gemeinsam haben wir viel erreicht. Aber es bleibt auch noch viel zu tun.

Andrea Wicklein, MdB