Winfried Winkelmann

Bad Frankenhausen

Bad Frankenhausen ist ein kleines, idyllisches Örtchen, das zwischen dem Harz und dem Thüringer Wald gelegen, damals wie heute auf erholungssuchende Gäste wartet. In Westdeutschland war dieser Flecken so gut wie unbekannt, es sei denn, man stammte ursprünglich aus diesem Sprengel. Mir war er ebenfalls fremd bis eines Tages in den Medien über eine Bauernkriegsgedenkstätte berichtet wurde, die die Regierung der DDR in Auftrag gegeben hatte. In diesem Zusammenhang wurde gleichfalls stets der Name eines bekannten Leipziger Malers genannt, der auch bei uns kein Unbekannter mehr war: Werner Tübke.
Die Gedenkstätte entstand auf einem Hügel an der Stelle, auf der eine kurze Schlacht zwischen einem schlecht bewaffneten Bauernhaufen und kriegserfahrenen Landsknechten der Fürsten im Jahre 1525 stattgefunden haben soll. Der ostdeutschen Regierung ging es mit dem Bau einerseits um die Würdigung von Thomas Müntzer, der die bereits seit 1523 hauptsächlich im süddeutschen Raum grassierenden Bauernaufstände seinerseits in Thüringen ins Leben gerufen hatte, und andererseits dem Aufstand als solchem, der nach ostdeutscher Lesart gewissermaßen die Geburtsstunde der proletarischen Emanzipation verkörperte, die ihren Höhepunkt schließlich in der russischen Oktoberrevolution erfuhr und so auch zur Gründung der Deutschen Demokratischen Republik führte. Deutsche Demokratische Republik war anfangs der offizielle Name des ostdeutschen Teilstaates, der sich später dann nur noch kurz DDR nannte, wahrscheinlich um das Wörtchen „deutsch“ zu vermeiden, das im westlichen Teil Deutschlands gleichermaßen Bestandteil des Staatsnamens war.

Werner

Tübke war die ehrenvolle Aufgabe zugewachsen, die 123 Meter lange und 14 Meter hohe Innenwand des Rundbaus auszumalen. Dafür brauchte er 10 Jahre, Jahre, in denen er sich qualvoll abmühte und leider auch seine Gesundheit dabei ruinierte. Aber die Herkulesarbeit war vollbracht und die Eröffnung der Gedenkstätte wurde mit viel Pomp und medienwirksamen Spektakel gefeiert. Das war der Anlass, der recht bald zu unserem Wunsch führte, nach Bad Frankenhausen zu pilgern, um dieses herrliche Werk zu sehen. Und es dauerte gar nicht lange, da passierten wir schon wieder die Schlagbäume und Todeszonen, um den Rosengarten in Sangerhausen, den Kyffhäuser, und die Barbarossahöhle zu sehen und natürlich, um dem Tübke unsere Aufwartung zu machen.

Als wir uns Bad Frankenhausen näherten, sahen wir schon von weitem das stattliche Gedenk-Gebäude. In der Tat, es war, es ist ein würdiges Mahnmal für den gedachten Anlass und ein überaus würdiger Rahmen für das Tübkesche Rundgemälde. Beim direkten Augenschein indes traten Probleme auf. Obwohl die Anlage auf Massenbetrieb ausgelegt war, gab es so gut wie kein entsprechendes Umfeld. Kein ordentlicher Parkplatz, aber Matsch und Sandhaufen, keine gepflasterten Wege. Auf einem etwa 60 mal 60 cm großen Pappschild war in improvisierter Handschrift zu lesen: Nur für angemeldete Kollektive.

Na das war ein Reinfall! Während ich als gut erzogener Staatsbürger im Begriff stand, gar nicht erst auszusteigen und den Wagen kurzerhand wieder zu

wenden, protestierte meine Frau und meinte gebieterisch: kieken können wir ja mal! Das taten wir dann auch und begaben uns mit hochgekrempelten Hosenbeinen in den Dunstkreis des Gebäudes. Das Tor war verschlossen, dahinter war nichts zu hören und ein weiteres Schild wies uns wieder in die örtlichen Besuchsregularien ein. Da war nichts zu machen. Aber, wie wir dort nun unschlüssig standen, kamen weitere Interessenten, Ostdeutsche. Und noch mehr und noch mehr, die alle ohne Gruppenanmeldung, hierher gefahren waren, um drinnen das große Gemälde zu bestaunen. Und jetzt geschah etwas, das ich in der DDR nicht für möglich gehalten hatte. Die Masse, „Proletarier“, also der Idealbürger im Sozialismus, die Masse ließ sich nicht einfach abwimmeln und fing an Unmut zu äußern. Zunächst verhalten, dann lauter und schließlich wurde mit bissigen Beschimpfungen die Obrigkeit verunglimpft. Es wurde gebrüllt und heftig an der Tür gerüttelt. Drinnen vernahm man den Aufstand, man bekam offensichtlich kalte Füße und siehe da – Sesam öffnete sich und, ohne sich um Eintrittsgelder zu scheren, strömte das Volk in den großen Saal - und staunte - wie wir, die von dem im mittelalterlichen Stil gefertigten Endlosbild fasziniert waren.

Die junge DDR war mit ihren fast 40 Jahren erwachsen geworden und mit ihr das Volk, das sich auf einmal nicht mehr für dumm verkaufen ließ und aufmüpfig wurde. Das geschah kurz vor der Wende und war ein weiteres Mosaiksteinchen, was schließlich zum völligen Kollaps des Staates führten.