Cornelia Behm

Wo ich am 9. November ´89 war...

Cornelia Behm ist in Kleinmachnow (heute Brandenburg) geboren. Als die Mauer fiel, war sie 38 Jahre alt.

Am 9. November hat mein Sohn Georg Geburtstag. 1989 war es der 19. Wir feierten ihn wie immer im Kreis von Freunden und Verwandten. So lief an diesem Abend weder der Fernseher noch das Radio. Mitten in der Nacht kam mein Sohn ins Schlafzimmer und fragte: „Mutti, kann ich das Auto haben? Kilian hat gesagt, man kann jetzt in Drewitz über die Grenze nach Berlin.“ Freund Kilian hatte sich, um nicht die ganze Familie zu wecken, durch Steinchenwerfen gegen Georgs Fenster bemerkbar gemacht. Wenige Minuten später stand Georg nochmals in der Tür: „Mutti, kann ich mir etwas Westgeld aus der Kassette nehmen?“ Auch da murmelte ich nur schlaftrunken meine Zustimmung und schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen, es war ein Freitag, also ein ganz normaler Arbeitstag, machte ich wie üblich nach dem Aufstehen als erstes das Radio an. In diesem

Moment sagte der Radiosprecher den Satz: „…Der Verkehr auf dem Ku-Damm ist zusammengebrochen.“ Wie ein Blitz schossen mir da die nächtlichen Fragen meines Sohnes durch den Kopf. Erst in diesem Moment konnte ich ihre Bedeutung verstehen. So theatralisch es klingt: Ich fiel auf die Knie und vergoss Tränen der Freude und der Dankbarkeit.

An der Bushaltestelle gab es dann nur ein Thema: JedeR erzählte, wann und wie er von der Grenzöffnung gehört hatte. Es wurde wild über die Konsequenzen spekuliert. Im Institut kam dann ziemlich schnell jemand auf die Idee, eine Delegation zur Erforschung des unbekannten Terrains zu entsenden. Während die fünf Kollegen im Wartburg Westberlin eroberten, eine Stippvisite bei Verwandten, Bekannten und beim Aldi machten, saßen wir andere KollegInnen abwechselnd vor dem kleinen Bildschirm unseres tragbaren Fernsehers im Messraum, über den normalerweise nur die Ergebnisse unserer Versuche flimmerten. Mit

Erstaunen und großer Freude verfolgten wir die ersten Bilder der Wiedervereinigung. Pünktlich kurz vor Feierabend war unsere Delegation zurück. Nun wurde das denkwürdige Ereignis mit Kartonwein und Chipsletten gefeiert.

Von meinem Sohn und seinem Freund gab es auch am Freitagabend noch keine Spur. Kilians Eltern hatten zwar ein Telefon, aber alle Leitungen nach Westberlin waren hoffnungslos überlastet. Mit meiner Tochter machte ich mich dann auch auf den Weg nach Berlin. Wir benutzten den Bus, mit dem sonst immer die Großeltern über die Grenze fuhren. Es war einer von unzähligen Doppelstockbussen, die in diesen Tagen ununterbrochen über die Grenze pendelten. Als wir den Berliner Bären auf dem Mittelstreifen der Autobahn passierten, machte der Busfahrer die Durchsage: „Jetzt sind wir drüben.“ Für mich wieder ein Grund für Tränen, während meine 15jährige (!) Tochter immer wieder sagte: „Dass ich das noch erleben darf…“