Winfried Winkelmann

Der Intershop

Es war die Zeit, da man Pakete in die DDR schickte. Die Tage der Kerzen, die man zum Gedenken an die Brüder und Schwestern drüben vor allem zu Weihnachten ins Fenster stellte, die waren vorbei. Das stille Gedenken aneinander erwies sich in den Jahren der Prosperität als nicht mehr ganz zeitgemäß. Den Bekannten und Verwandten aus dem Osten stand der Sinn mehr nach handfesteren Dingen, nämlich Sachen des täglichen Bedarfs. Abgetragene Anzüge und Mäntel neben den üblichen Kaffee und Schokoladenpräsenten genügten allerdings bald auch nicht mehr. Es sollten schon fabrikneue Jeans und Markenware sein, die dem Osten aus dem Westfernsehen her bestens bekannt waren. Manch eine Ost-Westverbindung ging wohl in die Brüche, wenn der erhoffte Qualitätsstandard den eigenen Bedürfnissen nicht mehr entsprach.

Unsere Ostverwandtschaft hielt indes treu zu uns, wurde die Freundschaft doch auch durch unsere regelmäßigen Besuche immer wieder aufgefrischt. Erst als die letzte Barrikade, der eiserne Vorhang, gefallen war, und man nun wieder in beide Richtungen ungehindert fahren konnte, brach auch diese Beziehung auseinander, genauer gesagt, sie schlief einfach ein. Die Pakete waren nun nicht mehr vonnöten und die persönlichen Einladungen zum Bereisen des Ostens brauchten wir unsererseits auch nicht. So hatte sich das Leben in Deutschland eben normalisiert. Vergessen sind indes die Jahre der Teilung keineswegs. War doch mit dem Besuch im Osten stets ein prickelndes Abenteuer verbunden, wie zum Beispiel dieses.

Der Grund der Reise ergab sich aus der Einladung zu einer Hochzeitsfeier in Wintersdorf bei Altenburg. Die entfernt verwandte Cousine wollte, wie man so sagt, zwischen den Jahren ihren langjährigen Freund heiraten. Trotz ungünstiger Wetterverhältnisse machten wir uns auf und kutschierten gen Altenburg. Das Wetter zeigte sich in der Tat von einer äußerst unfreundlichen Seite. Es frostete bereits seit Wochen. In der Luft kauerte durchdringender Braunkohlengeruch und auf der festgefahrenen Schneedecke schlitterten wir nur so dahin. Aber die Thüringer Landschaft war wie in Watte getaucht, und die sonst so schmutzig grauen Orte lagen in weißem feiertäglichen Glanz. Der Empfang war ebenso herzlich und wir wurden wie immer mit allem verwöhnt, was die Küche aus der eigenen Kleintierzucht und dem Garten hervorzuzaubern vermag. Erwähnen möchte ich hierbei vor allem die frisch

geschlachteten Täubchen, die an einer köstlichen Soße jedes Mal ein kulinarisches Erlebnis waren. Die uns bereits bekannte Schlafstätte hingegen erwies sich bei diesem Besuch als eine Art Überlebenstraining. Denn die durchschnittliche Temperatur in dem Raum dümpelte während unseres Aufenthaltes um die Null Grad. Noch atemberaubender erwies sich der Besuch der nächtlichen Toilette, die sich draußen über dem Hof befand. Für uns zentralheizungsverwöhnte Zeitgenossen war dies eine etwas gewöhnungsbedürftige Situation, auf die wir uns natürlich eingestellt und letztlich ja auch überlebt haben (aber dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert). In einem Reiseprospekt hätte man diese Umstände wahrscheinlich unter der Rubrik Abenteuerurlaub führen müssen.

Der Tag der Hochzeit begann damit, dass ununterbrochen Dorfbewohner zum Gratulieren vorbei kamen, und wenn sie ihr Sprüchlein daher gesagt hatten, anschließend mit einem ordentlichen Kuchenpaket wieder abzogen. Kuchen, die am Vortag gebacken, auf großen Blechen offensichtlich für den gesamten Ort bereit standen. Die Feier selbst fand in dem Clubraum der sogenannten Werner Seelenbinder Kampfbahn statt, die den Ort zum nahen Braunkohlentagebau hin abgrenzte. Eine schmucklose Baracke mit einer Tanzfläche und zwei längeren Tischen. Das war das gesamte Inventar des Raumes. Da wir zu dieser Feier auch einen kleinen Beitrag leisten wollten, trugen wir einige Texte aus der Hochzeitszeitung einer anderen Cousine vor, Passagen, deren Herkunft wir natürlich nicht verrieten, und die wir auf das aktuelle Brautpaar und die Zeit- und Raumumstände zurecht gestutzt hatten. Ansonsten sorgte ein Alleinunterhalter für musikalische Kurzweil, der mit großem Repertoire genau den Geschmack der Festgesellschaft traf.

Kurz darauf feierten wir auch noch das Silvesterfest in Wintersdorf, das diesmal in der Gaststätte des Kulturhauses stattfand. Hier trafen wir nun auf eine uns größtenteils unbekannte Gesellschaft. Einerseits Freunde der Verwandtschaft aber auch Leute aus dem Ort bzw. der näheren Umgebung. Bei dieser Feier, außerhalb des Schonraums der Familie, schauten wir einmal in die Maske ideologischer Verblendung, wie sie wohl nur in Diktaturen zu beobachten ist. Obwohl wir sehr freundlich aufgenommen wurden, spürten wir doch bei jeder Gelegenheit, dass wir aus einer anderen Welt kamen. Man war freundlich, vermied jedoch jeglichen näheren Kontakt, man blieb distanziert. War es die Furcht vor Denunzianten? Man kann ja nie wissen. Der Gipfel

schließlich war, dass ein uns nicht bekannter Gast, der mit am Tisch saß, beim Jahreswechsel nicht mit uns anstoßen wollte. Mit dem „Klassenfeind“, wie er sich ausdrückte, wolle er nichts zu tun haben! Wie haben wir darauf reagiert? Wahrscheinlich werden wir nur verlegen gelacht haben, obwohl wir eigentlich sehr betroffen waren. Im Grunde konnte uns dieses Faktotum leid tun, das solch einen Blödsinn verinnerlicht hatte.

Am folgenden Tag war dann Aufbruch. Abfahrt in südwestliche Richtung zurück wieder nach Wiesbaden. Es herrschte immer noch die gleiche Wetterlage mit ihren widrigen Straßenverhältnissen. Ausgerechnet in dieser Situation kam der junge Bräutigam auf die Idee, mit dem Pass meiner Frau, als Westbürger getarnt, im Intershop am Hermsdorfer Kreuz eine Kaffeemaschine zu kaufen. Warum ausgerechnet der Pass einer Frau? Unser Bekannter war augenscheinlich mit allen Wassern gewaschen. Im Falle einer genauen Passkontrolle im Intershop wäre bei meinem Pass der Schwindel aufgefallen, da wir uns im Aussehen nicht unbedingt ähnlich sind. Mit dem falschen Pass dagegen hätte er sich rausreden können: „ach, da habe ich aus Versehen den Pass meiner Frau mitgenommen. Moment ich.....“.Das im Intershop notwendige Westgeld tauschte er übrigens regelmäßig von einem ägyptischen Kommilitonen ein, der an der Humboldt-Universität in Ostberlin eingeschrieben war. Zu unserer Überraschung besaß unser Bekannter von den im Osten so begehrten Devisen durchaus nicht wenig. Daran kann man sehen, dass es auch in Ländern mit nicht konvertibler Währung Mittel und Wege gibt, an Dinge zu kommen, die der Staat für seine Bürger im allgemeinen nicht bereithält. Nun, was ging uns das an? Zweierlei: Hätte eine richtige Kontrolle durch die Volkspolizei stattgefunden, wäre bestimmt der Betrug aufgefallen und wir wären mitten drin. Zum anderen hatten wir dummerweise den Pass bereits am Wohnort in Wintersdorf, etwa 30-40 km von Hermsdorf entfernt, übergeben. Wäre uns oder dem anderen in seinem Trabbi etwas auf der schneeglatten Straße passiert....wir hätten keinen Pass dabei gehabt, zumal auf der gemeinsamen Fahrt der Bräutigam plötzlich hinter uns ausscherte und eine andere Route nahm, als wir sie gewählt hatten.

Wir schlugen drei Kreuze, als die Sache glimpflich ausgegangen war und wir nun endlich Lebewohl sagen konnten, um, wieder mit sämtlichen Formalien ausgestattet, die Grenze in Eisenach zu passieren.