Winfried Winkelmann

Der Sonntagsausflug

Der Sonntag ist nicht unser Tag. Sonntags um den Schlachtensee zu laufen, bereitet einfach keine Freude. Vor allem dann, wenn die Sonne freundlich vom Himmel schmunzelt, die Wege nicht matschig sind und folglich halb Berlin auf den Beinen ist. Dann wälzt sich, wie in einer feiertäglichen Prozession, ein nicht enden wollender Strom von Müßiggängern auf den Uferwegen des Sees hin, den wir als den unserigen betrachten. Spaziergänger mit und ohne Hund, lästige Radfahrer, und die große Phalanx von Joggern und Walkern, die ihre Krücken oft schlurfend einfach hinter sich her ziehen.

Nein, dann bleiben wir lieber brav zu Hause und warten die ruhigeren Arbeitstage ab, an denen der große Ansturm bewegungshungriger Berliner wieder vorbei ist. Oder wir setzen uns kurz entschlossen ins Auto und steuern solche Zonen an, wohin sich der Berliner im allgemeinen nur selten verliert. Kürzlich gelangten wir auf diese Weise in die Gegend um Steinstücken und den Griebnitzsee. Und damit bin ich am Anfang meiner kleinen Geschichte, die ich vor langer, langer Zeit mit meinen Eltern erlebt habe.

Es war kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges, ich zählte damals vielleicht 6 oder 7 Jahre und der Ort des Geschehens war exakt diese Gegend zwischen den beiden S -Bahnhöfen Wannsee und Griebnitzsee. Waldwanderung stand wohl auf dem Tagesplan meiner Eltern. Raus aus dem Berliner Häusermeer, hinein in die schöne freie Natur. Eine ganze Weile werden wir schon marschiert sein, die frische Waldluft inhaliert und uns tüchtig des Lebens erfreut haben, als wir unvermittelt an einem quer über den Waldweg liegenden Baumstamm zum Stehen kamen. Nun was ist schon dabei? Was war dabei? Eigentlich nicht viel, denn normalerweise umgeht man solch ein Hindernis und setzt seinen Marsch einfach fort. In diesem speziellen Fall aber waren sich meine Eltern bewusst, dass mit dem Eichenstamm sehr wahrscheinlich die Grenze zwischen Westberlin

und dem kürzlich abgetrennten Osten markiert war. Damals bedeutete die frisch gezogene Grenze zwar noch keine unüberwindliche Demarkationslinie, die zu überwinden verboten bzw. lebensgefährlich war, aber man hatte mit dem „hölzernen Bauwerk“ natürlich etwas bezweckt, nämlich die Abgrenzung eines Hoheitsgebietes. Auf mein Drängen hin vermutlich, nahmen wir die Grenzüberwindung dann kurz entschlossen in Angriff, und es versteht sich, dass ich das Hindernis als sportliche Herausforderung nahm und über den Stamm hinweg turnte, während meine Eltern einfach drum herum gingen. – In diesem Augenblick, als unser kleines Wandergrüppchen allein mit dem Holz beschäftigt war und das weitere Umfeld außer Acht ließ, schlug uns ein lautes und herrisches: Stoi !!!!! entgegen, und hinter Bäumen traten plötzlich zwei russische Soldaten hervor, die ihre Maschinenpistolen direkt auf uns gerichtet hielten. Den Schreck, der uns in die Glieder fuhr, kann man sich vorstellen. Ich verspüre ihn noch heute, wenn ich daran denke. Habe ich geweint? Wie haben meine Eltern reagiert? Haben die Russen mit uns gesprochen – russisch oder gar deutsch ? – ich kann es leider nicht sagen. Ich erinnere mich nur, dass die Soldaten sehr aufgeregt waren und ständig mit ihren Waffen herumfuchtelten und schließlich in der Einkaufstasche von meiner Mutter wühlten, die einiges an Marschverpflegung in sich barg. Der Inhalt wird sicher nicht sehr aufregend gewesen sein, aber mit einem Mal zog der eine Soldat eine alte Tageszeitung hervor, die auf dem Boden der Tasche gelegen hatte und? und betrachtete eine Karikatur, bei der der damalige Staatsratsvorsitzende Ulbricht offensichtlich verspottet wurde. Die Tendenz, die damit zum Ausdruck gebracht werden sollte, werden die Russen bestimmt erkannt haben. Jedenfalls wurden wir daraufhin von ihnen grob in eine Reihe gestoßen und unter etlichem „dawei, dawei“!! schließlich auf Trab gebracht und als Gefangene abgeführt. Im Gänsemarsch und Marschschritt ging es voran, vorneweg der eine Russe und

als Schlusslicht der andere, immer die Waffen im Anschlag. Die kleine Prozession ging genau in die Richtung, in die wir ursprünglich wollten, allerdings nicht auf einem Weg, sondern über Stock und Stein, quer durch den Wald. So kamen wir schließlich an einen Bahndamm und mussten über die Gleise klettern, wobei die erhöhten Stromschienen der S -Bahn natürlich eine gehörige Gefahr darstellten. Ich kann mich daran erinnern, wie mich mein Vater über die Gefahrenquelle gehoben hat. Auf der anderen Seite des Bahndammes erreichten wir dann bewohntes Terrain. Etliche Passanten waren dort unterwegs und, das kann man sich denken, beäugten neugierig die Staatsaktion, in der unsere Familie die Hauptrolle inne hatte. Ich kam mir vor wie ein Deserteur, dementsprechend war mir alles äußerst peinlich und ich wagte kaum nach rechts und links zu schauen. Schließlich erreichte der Gänsemarsch den Bahnhof Griebnitzsee, in dem die Kommandantur der hier stationierten russischen Armeeabteilung ihren Sitz hatte. Nach einigem bangenvollem Warten in einem verqualmten kleinen Raum des Bahnhofs wurden wir dann dem Kommandanten vorgeführt. Der betrachtete uns lange und schweigend und schaute sich schließlich die Karikatur an, blickte kurz auf und schaute wieder nach unten. Es dauerte unsäglich lange, dann aber lachte er plötzlich, so als hätte er erst jetzt den in der Zeichnung versteckten Witz verstanden und nachdem er noch einmal eine ganze Weile uns betrachtete aber nichts sagte, wies er schließlich mit einer schroffen Handbewegung zur Tür und gab uns damit zu verstehen, dass wir uns entfernen können. - Wir waren wieder frei!! Wir waren frei und konnten uns ohne weitere Sanktionen trollen. Draußen werden wir uns vermutlich in die Arme gefallen sein und erst mal die schlechte Luft der Räume wieder kräftig ausgestoßen haben. Ein Gefühl, wie nach einer bestandenen schweren Prüfung.

Wir eilten die Stufen des Bahnhofs nach oben, bald kam eine S -Bahn und eine Station weiter, in Wannsee, waren wir wieder im heimatlichen West Berlin.