Martina Bellack

Dornenhecken statt Stacheldraht
Verein renaturiert den ehemaligen Mauerstreifen Buschgraben

Wahnsinn! Nur ein Wort. Endlich Freiheit hieß das. Endlich Demokratie. Endlich ein Wiedersehen. Zehn Jahre ist es her. Die ganze Welt schaute auf diese Stadt. Eine Revolution „von der Straße" besiegelte das Ende der DDR. Fast jeder erinnert sich an »seinen " 9. November 1989. Historische Tage, Wochen, Monate. Wie haben die Menschen in Zehlendorfund Lichterfelde sie erlebt? Kehren Sie mit dem Morgenpost Lokalanzeiger noch einmal zurück in die Zeit der »Wende".

Teil einer eiszeitlichen Schmelzwasserrinne, die als Grünzug vom Grunewald bis zum Bäketal reicht, ist der Buschgraben. Fast 30 Jahre lang trennte hier die Mauer Zehlendorf von Kleinmachnow und mittels chemischer Keule wuchs dort kein Gras mehr. Inzwischen hat sich jedoch eine stürmische Entwicklung vollzogen. Es grünt und blüht und kreucht und fleucht, dass es eine wahre Pracht ist. Dafür, dass das auch so bleibt, sorgt der Förderverein Landschaftsschutzgebiet Buschgraben/Bäketal e.V.
52 Zehlendorfer und Kleinmachnower haben sich 1991 im Verein zusammengeschlossen, um grenzüberschreitenden Naturschutz zu praktizieren. Sie engagieren sich dafür, den Buschgraben als Naturschutzgebiet zu etablieren. Auf Kleinmachnower Seite künden be-
reits Schilder vom Erfolg ihrer Bemühungen, auch wenn das Verfahren zur Unterschutzstellung noch läuft. Berlin jedoch konnte sich bislang noch nicht entschließen, das Sumpfgebiet als Landschaftsschutzgebiet auszuweisen.
Nach der Wende blieb das Gelände zwischen Erlenweg in Kleinmachnow und Senftlebenstraße in Zehlendorf noch lange unberührt. Der Verein konnte immerhin verhindern, dass das bereits parzellierte Gebiet bebaut wurde, und so konnte sich rund um Bach und Tümpel eine für den Berliner Raum einmalige Artenfülle an Tieren und Pflanzen entwickeln. „Nach Abriss der Mauer wurde die Fläche aber leider auch als Abstellfläche und Müllplatz missbraucht", erinnert sich Achim Förster vom Vorstand des Naturschutzvereins.
Der 49-jährige Zehlendorfer, der schon die Domäne Dahlem erfolgreich aufforstete, sorgt daher gemeinsam mit dem Kleinmachnower Kollegen Gerhard Casperson und den Vereinsmitgliedern für den Schutz und die Pflege des Feuchtgebiets. So wurden in diesem Jahr bereits 1800 Mark aus Vereinsmitteln bereitgestellt, um den Grünstreifen zu mähen. Die Mitglieder sind aufgerufen, selbst Hand anzulegen.
Regelmäßig treffen sich Naturschützer beider Orte am Buschgraben. Sie errichteten eine Schichtholzhecke aus Strauchwerk und Ästen und pflanzten junges Gehölz. „Das ist aber nun keine neue Mauer", versichert Förster, „es gibt ja auch Durchbrüche und sie bleibt niedrig." Immer wieder muss die Hecke nun an verschiedenen Stellen aufgefüllt und übermäßig wuchernde Pflanzen zurückgeschnitten werden, um kleineren Gewächsen Luft und Platz zu verschaffen. Stolz verweist Förster auf einige seltene Pflanzen, die sich bereits innerhalb der Hecke ansiedeln konnten.
„Etwa zweimal im Jahr opfern hier Vereinsmitglieder ihren Sonnabend, um sich für ihre Umwelt einzusetzen", erzählt er. Außerdem zahlen sie einen Jahresbeitrag von 24 Mark, aus dem Arbeitsgeräte und Material, aber auch Fremdarbeiten finanziert werden. „Es ist nur schade, dass die Leute, die hier in direkter Nachbarschaft wohnen, sich nicht an den Arbeiten beteiligen", ärgert sich Mitstreiterin Heike Fiedler.

Martina Bellack berichtete 10 Jahre nach der Wende in der Berliner Morgenpost, Zehlendorf, am 17.11.1999 von den Aktivitäten am ehemaligen Grenzstreifen zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf.

Im Buschgraben kreucht und wuchert es wieder, Naturschutzgebiet ist er aber bisher nur auf Kleinmachnower Seite.