Winfried Winkelmann

Ein anderes Grenzerlebnis

Seit dem aufregenden Erlebnis mit den russischen Grenzsoldaten, das inzwischen etwa 40 Jahre zurück lag, hatte sich vieles im östlichen Teil Deutschlands geändert. Die damals noch durchlässige Grenze, bei der man sich mit Baumstämmen begnügte, um den eigenen Herrschaftsbereich zu markieren, war nun ein aus Beton und Stacheldraht bewährtes Fanal geworden, an dem viele Ostdeutsche ihren Freiheitsdrang mit dem Leben bezahlen mussten. Da wir in der Zwischenzeit von Berlin nach Wiesbaden verzogen waren, also als Westdeutsche galten, hatte die Todesgrenze für uns bald nicht mehr ganz so den Charakter einer unüberwindbaren Gefängnismauer, wie für die ostdeutsche Bevölkerung. Mit Passierscheinen und persönlichen Einladungen versehen, konnten wir jederzeit in die DDR einreisen. Und das taten wir ausgiebig. Ostdeutschland bereisten wir mehrfach, meistens privat, einige Male sogar mit Schulklassen unserer Wiesbadener Berufsschule. So lernten wir das gesamte ehemalige Mitteldeutschland kennen, von der Ostsee bis nach Zittau und von Mühlhausen bis an die Oder. Und wir sahen auch den desolaten Zustand des Landes, das von Jahr zu Jahr mehr verwahrloste und wunderten uns, wie in unseren Medien dieser Staat im wirtschaftlichen Bereich gewissermaßen als Erfolgsmodell gepriesen wurde. Dem war beileibe nicht so. Die DDR „pfiff“ nach

unseren Eindrücken „auf dem letzten Loch“ und irgend wie hatten wir immer das unterschwellige Gefühl eines kommenden Zusammenbruchs des Landes. Dass dieser dann tatsächlich kam, lag allerdings nicht am wirtschaftlichen Konkurs, den wir vermutet hatten, sondern am allgemeinen Unmut der Bevölkerung, die immer selbstbewusster wurde und schließlich es wagte, der Staatsgewalt die Stirn zu zeigen.

Im Herbst 1989 weilten wir anlässlich einer Einladung eines Cousins zu seinem 40. Geburtstag (gleiches Alter, wie die DDR), wieder in Honneckers Landen. Uns fiel dabei auf, dass der andere Teil der Verwandtschaft, der bei früheren Feiern in diesem Hause nie zugegen war, und den Kontakt zu uns aus gesellschaftlich-politischen Gründen stets gemieden hatte, nun auch anwesend war und keinerlei Berührungsängste zeigte und uns sogar freudig in die Arme nahm. So als wäre es schon immer so gewesen. Wir staunten. Im Nachhinein glauben wir, dass die sich langsam ankündigenden Ereignisse in der DDR von ihnen bereits aus internem Wissen vorausgeahnt wurden. Einige Tage später, es war der Tag an dem vor dem Ostberliner Rathaus eine Großkundgebung u.a. mit Stephan Heym stattfand, unternahmen wir mit dem Cousin und seiner Frau einen Ausflug an die polnische Grenze.

Diese Gemarkung war niemals eisen- bzw. steinbewährt wie das Pendant zur westlichen Hemisphäre, aber zu der Zeit war auch sie nicht offen und normalerweise mit militärischen Einheiten bewacht. Irgendwann standen wir damals direkt am Ufer der Oder, die schwarz-weiß-roten Grenzpfähle bereits hinter uns. Da äußerten unsere Gastgeber ein Unbehagen und gewisse Ängste, ob es überhaupt erlaubt sei, hier zu stehen. Man schaute sich um, versuchte die sog. Grenzorgane zu erspähen. Aber nichts war zu sehen. Keine Polizei, kein Militär. In der Tat, die Grenze war zu dieser Stunde völlig unbewacht. Trotzdem fühlten wir uns viel behaglicher als wir wieder im Auto saßen und einem anderen Ziel entgegen fuhren. Am Abend bei den Nachrichten begriffen wir die Umstände, die zu dieser Grenzentblößung geführt hatten. In ihrer Angst vor dem eigenen Volk, das an diesem Tag vor dem Rathaus gewisse Eigenmächtigkeiten zelebrierte, hatte das Politbüro alle verfügbaren Kräfte aus dem Umland von Berlin in die Hauptstadt beordert, um gegen einen eventuellen Zündfunken, der einen ostdeutschen Flächenbrand hätte verursachen können, gewappnet zu sein.

Dieser Tag bedeutete sicher eines der bald zahlreichen Mosaiksteinchen in dem politischen Puzzle, das schließlich zur Wende führte.