Winfried Winkelmann

Ein glücklicher Augenblick

Es war im Jahr nach dem Mauerfall in Berlin, der sog. Wende. Ein Jahr voller glücklicher Augenblicke, die uns berührten und oft sehr nahe gingen. Die wir aber immer nur vor dem Fernseher erleben konnten. Miterleben vor Ort war wegen der räumlichen Entfernung leider nicht möglich. Einmal aber hatten wir dann doch diesen Augenblick des Glücks an historischer Stelle, obwohl die unblutige Revolution bereits einige Monate schon zurück lag. Ort des Geschehens war der Potsdamer Platz in Berlin und das kam so.

Im Sommer des Jahres 1990 machten wir uns auf, eine Rundreise durch Polen zu unternehmen. Noch existierte der „Eiserne Vorhang“, formal jedenfalls, wenngleich er schon sehr löchrig geworden war und durch die Schlupflöcher bereits Tausende in die sog. Freiheit entwichen waren. Für uns existierte er insofern, dass wir für die Einreise aus Westdeutschland sowohl in die noch DDR als auch Polen nach wie vor Visa benötigten. Von deren Notwendigkeit hingegen waren selbst die „Grenzorgane“ nicht mehr sehr überzeugt, so dass wir in die DDR ohne die üblichen Kontrollen beinahe

durchfahren konnten. Stationen dieses Unterfangens sollten das Riesengebirge, die Stadt Breslau mit Orten familiärer Herkunft, Warschau und Danzig sein. Es war eine aufregende Reise mit sehr viel positiven Eindrücken, die wir vor allen Dingen mit den Polen selbst gewinnen konnten. Es war die Zeit, da man viel Negatives über dieses Land in den Medien vernahm, vor allem was das plötzliche Abhandenkommen deutscher Autos betraf, die angeblich alle gen Osten verfrachtet wurden (kommst Du nach Polen, ist Dein Auto schon dort). Angesichts der Karawane polnischer Autos auf unseren Autobahnen, mit PKW bestückten Anhängern, konnte man schon dieser Meinung sein. Zu mindest herrschte in Polen zu dieser Zeit noch ein großer automobiler Nachholbedarf, was uns damals auf den fast leeren Strassen äußerst angenehm auffiel. Wie dem auch war, wir jedenfalls kamen mit unserem Auto wieder heil zurück und die Erfahrungen, die wir mit verschiedenen polnischen Familien in den vier Wochen hatten, stimmten uns den Polen gegenüber sehr positiv.

So kamen wir schließlich nach Danzig, wo wir wieder bei einer polnischen Familie Unterschlupf fanden.

Es war dort das einzige Mal, dass wir uns mit Englisch verständigen mussten, weil bei den jungen Leuten in Polen Deutsch nicht mehr den Stellenwert wie früher hat. Bisher hatte immer unser eigenes Idiom für die Verständigung genügt. Als letzte Etappe ging die Fahrt schließlich an der pommerschen Küste entlang Richtung Heimat, wobei wir als letzten Übernachtungsort die Stadt Stettin eingeplant hatten. Je mehr wir uns aber am Nachmittag der alten deutschen Hansestadt näherten, um so weniger Lust verspürten wir, noch einmal auf Quartiersuche zu gehen und beschlossen nun gleich bis Berlin auf der Autobahn durchzufahren. Nicht viel später erreichten wir dann auch die alte Hauptstadt, kamen auf die Prenzlauer Allee, dann die Leipziger Strasse und mit einem Mal fuhren wir direkt über den Ort, der für die Teilung Deutschlands schlechthin stand, dem ehemaligen, nun kaum noch wieder zu erkennenden Potsdamer Platz. Und schon fuhren wir auf der Potsdamer Strasse im sog. Westberlin.

Das war der Augenblick des Glücks. Ohne Kontrolle, ohne Schikanen wieder in einer ungeteilten Stadt unbehelligt fahren zu können.