Frank Mattheus

Meine lustigste Begebenheit zur Wendezeit war folgende. Es war am 10.11.1989, ein Freitag, also Arbeitstag. Ich hatte in der Nacht und am Abend davor nichts mitbekommen und bin früh zum Dienst erschienen, aber das Großraumbüro war ziemlich leer. Auf Grund der Ereignisse dachte niemand wirklich daran, diesen Tag mit Arbeit zu verbringen. Also verabredeten wir, ein paar Kollegen und ich, wir fahren über den Grenzübergang Drewitz nach Berlin. „Vorher düsen wir aber noch schnell bei mir zuhause vorbei, denn mein Vater hat mir letztes Jahr von einem Verwandtschaftsbesuch einen Stadtplan aus Westberlin mitgebracht“, sagte ich. Gesagt, getan. Am Grenzübergang Riesenstimmung, es waren schon Fahrzeuge aus südlichen Bezirken der DDR auszumachen. Ich hatte auch den Fotoapparat dabei, mein Kollege meinte aber, ich sei verrückt, hier zu fotografieren. Schade, so hab ich nur ein Bild von der Grenzüberschreitung. So eingeschüchtert war man eben ! Aber wo fahren wir jetzt hin ? Natürlich zum Kudamm. Stadtplan raus

und dann kam mir die Idee, weil wir gerade von den 100 DM Begrüßungsgeld gehört hatten, wir fahren erst mal zur nächsten Sparkasse, die waren nämlich auf dem Stadtplan eingezeichnet. Die nächste lag in Wannsee. Es stimmte, wir parkten davor, hier war alles ruhig. Ein Polizist schlenderte die Straße entlang. Wir also in die Sparkasse rein, keine Kundschaft und so identifizierte und begrüßte man uns mit den Worten: „Da seid ihr ja endlich.“ Wir waren offensichtlich die Ersten, die hier ihre 100 DM holen wollten. Auf Geheiß zückten wir unsere Personalausweise, da kam auch schon der Hunderter rüber. Jetzt hatte die Kassiererin nur ein Problem. „Wie machen wir jetzt kenntlich, dass die Leute schon 100 DM erhalten haben ?“ Der Polizist wurde von der Straße hineingeholt, wusste aber auch nichts. Nach kurzer Überlegung, man kann doch in einen PA keinen Sparkassenstempel reindrücken, wurde entschieden, dass man mit dem Kugelschreiber ein rotes Kreuz auf eine

leere Seite macht. Uns war das ziemlich egal, ab zum Kudamm und das Leben genießen.
Ein paar Tage später, am 21.11.1989, gab es für diese Prozedur wohl schon gewisse Vorschriften. Meine Frau, unsere kleine Tochter und ich waren wieder in Berlin und wollten für unsere Tochter die 100 DM auf einem Postamt holen. Der Beamte am Schalter verlangte wieder den PA, blätterte darin herum und zahlte dann die 100 DM für unsere Tochter aus. Und jetzt kommt`s. Gleichzeitig schaute er mich an und fragte: „Und was ist mit Ihnen ?“ „Ich habe das Geld doch schon erhalten, sehen Sie nicht das rote Kreuz dort ! ?“
Da nimmt der Mann meinen Ausweis, dreht sich zu seinen Kollegen, hält ihn hoch und brüllt: „Guckt mal, hier hat Walter Momper unterschrieben.“ Großes Gelächter und ich steckte meinen PA mit dem „Autogramm von Walter Momper“ (siehe Foto) wieder ein und ging.

Frank Mattheus