Harold Grewe

Der Mauerfall

Wann eigentlich war das denn noch?? Egal, die trennende Mauer - sie ist verschwunden! - Verschwunden? Tatsächlich? Und seit wann?

Sie ist eben nicht verschwunden; nicht so ganz; denn in manchen, in all zu vielen Köpfen ist sie noch vorhanden... Wie lange wohl noch? Noch einmal für eine Generation oder eine halbe? Und daran beteiligt sind Du und ich. Doch bitte, liebe Freunde, bedenken wir: Schlimmer noch als Mauern in den Köpfen, sind doch Mauern um Dein Herz herum. Doch davon später....

Nun, zur Einleitung bitte noch einige Gedanken über all jene Zeiten, die vergangen - seit Mauerbau, seit Mauer fall. Denn Zeit ist das relativste Geschehen im Universum:

Du kleiner Mensch - lebst in der Zeit, Die selten heilt, kaum mal verweilt;
Gefangen hält sie dich und mich - / Wo war sie, wenn zurück du blickst?'! Du Mensch - lebst 70, 80, 100 Jahr, Lebst 28 Jahre Mauerbau, Und nun schon 20 Jahre Mauer fall;
Wo war sie denn, als du zurückgeschaut?! Die Zeit hat alle sie hinweggefegt... Es ist ein winz'ger Augenaufschlag nur Des Ewigen - der selber in dir lebt.

Doch nun zum 9. November 1989 -

Ich war im Güteprüfdienst bei der DB beschäftigt. Für diesen Tag war eine Abnahme von Drosseln und Transformatoren in einer Elektrofirma eingeplant. Also wunderte ich mich schon etwas, als gegen 8 Uhr der befreundete Firmenchef bei mir anrief, um den fest eingeplanten Termin abzusagen. "Guten Morgen, Harold, schön, dass ich Dich noch erreiche. Du brauchst heute nicht zu kommen. Wir müssen den Termin verschieben"." Aber Günter, wieso denn? Wir hatten doch..." "Ja wenn schon; sag mal hast Du noch keine Nachrichten gehört? " " Nein, das mache ich gleich im Auto". "Nun, dann hör' mal zu:
Wir arbeiten heute nicht - wir feiern; denn die Berliner Mauer ist gefallen...!" "Also, mein lieber Günter, wer macht denn am frühen Morgen solche Scherze; das mag ich Dir nicht glauben..." "Doch, Harold, das kannst Du mir glauben; denn das ist kein Scherz. Schaltet Euer Radio ein und hört wie bei uns die Sektkorken knallen. Wir machen später einen neuen Termin. Also ich melde mich wieder."
Meine Frau Gerda hatte dieses Gespräch mit angehört, zumindest zum Teil. Es hatte uns beiden im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen. Nun aber im Radio die "Sondersendungen" im "Sender Freies Berlin". Dann Anruf beim Abnahmeamt wegen Änderung des Tagesablaufes. Ergebnis:" Mach nur wie es sich ergibt; wir feiern hier auch!"

Ich entschied mich, zur Stahlbaufirma Krupp zu. fahren; denn an den geschweißten Brückenteilen'gibt es immer irgendetwas zu begutachten. Das Ergebnis war vorherzusehen: Auch hier wurde gefeiert, geredet und diskutiert; "gearbeitet" wurde nur mäßig.

Doch wo war meine Familie an jenem 9. November? Weder Frau noch Sohn noch der Besuch aus Taiwan waren an diesem Tag in der Wohnung zu erreichen, sooft ich auch in der Firma zum Telefon griff. Ich sollte mich auch sehr wundern, als ich - etwas früher als üblich - am Nachmittag nach Hause kam:

"Stell Dir nur vor: Wir waren auf der Mauer am Brandenburger Tor! Wir alle drei. Über eine Leiter war Reimund zuerst hinauf, wurde von oben hochgezogen; Claudia und ich folgten etwas ängstlich; durften wir das überhaupt? Fallen wir auch nicht runter, denn oben auf der Mauer war es bereits sehr voll! Was wir dort oben aber erleben durften, war wirklich einmalig! Mensch an Mensch standen wir eng aneinander; Luftballons wurden aufgeblasen, die mit diversen anderen "freundlichen" Gegenständen zu den verwirrten Vopos hinübergeschickt wurden. Die wiederum schauten angespannt, ja teilweise etwas ängstlich nach oben, unruhig hin und her laufend. Was werden die machen? Die werden doch wohl nicht schießen!?" So etwa lautete der Bericht meiner Familie. Ihr Eindruck: Es war einfach herrlich und furchtbar zugleich...

Reimund und Claudia waren aber etwas betrübt; denn beide hatten die Öffnung der Mauer in der Nacht leider verpasst. Mit anderen Freunden waren sie am Vorabend zu einem Treffen in Kreuzberg. Als sie dann gegen Mitternacht - wahrscheinlich eher etwas später - nach Hause fuhren, wunderten sie sich schon über etwas mehr Menschen und Autos auf den Straßen - aber welchen Grund sollten sie schon haben, dieses zu hinterfragen? Beide schrieben dies eher örtlichen Festen zu als einer Öffnung der Mauer. Einfach dran vorbeigefahren; eine verpatzte Gelegenheit...

Doch bleiben wir bei jenen spannenden und - nicht nur für uns -aufregenden Geschehnissen dieser so geschichtsträchtigen ersten Novembertage des Jahres 1989.Die Grenzübergänge waren nicht alle zur gleichen Zeit und am ersten Tag geöffnet worden. So dauerte es zwei oder drei Tage, ehe die "Brücke der Einheit" "freigegeben" wurde. Dieses wollten wir zu gerne miterleben. Also machten wir uns auf den Weg:

Nicht sehr weit kamen meine Frau und ich auf der Königstraße. Weit vor der Brücke hatten wir in einer Seitenstraße parken können. Zu Fuß ging es auf der linken Seite auf dem Waldweg oberhalb der Straße in Richtung Brücke weiter. Jeder hatte eine große Tasche bzw. Plastiktüte in den Händen. Wieso dies? Wir wollten doch nicht verreisen. Erklärung: Weihnachten stand vor der Tür, und wie so üblich in all den vergangenen Jahren - und auch heute, jedes Jahr früher - hatte meine Frau diverse Mengen Süßigkeiten eingekauft. Doch halt: Wir haben doch noch 3 oder 4 Pfund Bohnenkaffee im Haus. Alles musste mit auf unseren Ausflug. Wir konnten uns ja später Neues kaufen. Und ob wir dies alles gebrauchen konnten! Menschenmassen kamen uns entgegen, sowohl auf der Straße wie auf dem oberen Waldweg. "Seid Ihr von drüben? Kommt Ihr aus Potsdam? Willkommen in der Freiheit. Wunderbar, Euch hier zu treffen, alles Liebe und alle guten Gedanken und Wünsche für eine gemeinsame Zukunft! Hoffentlich geht alles gut!" - "Danke, ja 1000 Dank l Wir hoffen, dass ab jetzt die Grenzen offen bleiben, und hoffentlich können wir heute Abend wieder zurück.!" So oder ähnlich verliefen all unsere Gespräche. Auch unsere Geschenke waren bald verteilt. Doch jetzt hätte ich beinahe die vielen Umarmungen vergessen, welche wir uns mit so vielen uns fremden Menschen gegenseitig schenkten: Mehrmals lagen wir uns mit Tränen in den Augen in den Armen, alle herzlichen Gedanken und Wünsche austauschend. - Ein immer wieder neues Herzens-Erlebnis...

Eine weitere Besonderheit: Vor der Brücke - auf der Westseite natürlich - standen mehrere Autos/Lieferwagen von Tchibo/Eduscho und Blumenläden. Jedes Paar bzw. jede Familie bekam Blumen, Süßigkeiten und Kaffee geschenkt. Welch freudige Begrüßung unserer Ostfreunde!

Die Zeit, sie verging wie im Fluge, und ständig reisten mehr Freunde aus der Noch-DDR hier in Berlin ein. Sofern auch Pensionen und Hotels sich über Gäste freuen mochten; die meisten "Ostler" hatten doch nicht das Westgeld dafür. Kein Wunder, dass sich der Fremden-Verkehrs-verein laufend in allen Medien bemühte, mehr West-Berliner als Gast-Familien zu gewinnen.

"Wir könnten doch (eigentlich) auch ein Ehepaar zum Übernachten bei uns aufnehmen. Den Platz hätten wir ja, trotz Besuchs aus Taiwan!" So die Gedanken von Sohn Reimund. Zweifellos waren seine Gedanken einige Überlegungen wert; sollten wir uns melden oder doch lieber nicht? Wer weiß, was uns da u.U. für Leute ins Haus geschickt werden? Wir wollten zunächst einmal darüber schlafen.... Am Morgen, es war ein Freitag, waren wir uns immer noch nicht einig. Ich fuhr also erst einmal wieder zur Firma Krupp. Wir wollten noch einmal nachdenken. Gegen Mittag telefonierte ich wieder mit meiner Frau: Wir wollten es also einmal versuchen, und ich würde beim Verkehrsamt anrufen.-
Gesagt, getan. Beim dritten Versuch hatte ich die Verbindung. Ob wir sine oder zwei Personen aufnehmen könnten und ob wir auch Frühstück machen würden? Selbstverständlich - alles was dazu gehört. Schon eine halbe Stunden später erfolgte ein Anruf bei meiner Frau: "Wir senden Ihnen eine Mutter mit Kind. Zur Not können die auch in einem Bett schlafen. Also Danke, und viel Freude mit den zweien!"



Ein Ehepaar wäre uns vielleicht etwas lieber gewesen; aber nun gut so. Doch vorher schon war da ein Pseudo-Problem gewesen. Ob wir dem fremden Paar das "DU" anbieten sollten? Wir waren uns nicht einig, und in dem Fall, der gleich vor der Türe stehen würde, würden wir ja sehen. Und so kam es - ganz anders, ganz einfach - als Mutter und Kind dann klingelten. Von wegen: Mutter und Kind ein einem Bett schlafen! Sohn größer und kräftiger als die Mama. Letztere nannte ihren Namen, und fügte hinzu: Und das ist mein Thomas. Von oben kamen zwei die Treppe herunter, und ich hörte: und ich bin Reimund, und hier ist Claudia. Darauf tönte es von der Zwischentüre; Und ich bin die Marianne. Somit war also das Pseudo-Problem gelöst - erlöst; denn es war keines mehr!

Marianne und Thomas kamen aus Leipzig. Der Zug bzw. die Züge waren überfüllt; sie konnten nur stehen wie die Heringe. So gab es sehr viel zu reden, und wir wurden auch sofort nach Leipzig eingeladen, wo wir später dann auch zweimal waren. Diese herzliche Freundschaft besteht auch heute noch - leider nun ohne Freundin Marianne. So haben wir alle den Tag und den Abend genossen.

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, knisterte etwas. Was war los?
"Habt Ihr hier im Westen gut geschlafen?" "Ja, wunderbar, aber wir .
haben da ein (Pseudo) Problem und trauen uns nicht, zu fragen....!"
"Nur heraus damit. Worum geht es?"
"Nun, ganz bescheiden möchten wir anfragen, ob wir evtl. noch eine
zweite Nacht bei Euch bleiben dürfen?"
Na das war wahrlich kein Problem!

So zogen Marianne und Thomas durch die Stadt. Sie wollte dem Sohn das Haus des Großvaters zeigen. Als beide am Abend erschöpft zurückkamen, ging es Marianne nicht gut; ihr war richtig schlecht. Dies hatte eine einfache und logische Ursache: Sie hatte sich förmlich an Bananen "überfressen"...
Ein anderes Merkmal waren Unverständnis und Verwunderung über die diversen Schaufensterauslagen: Das sind doch alles nur Atrappen; soetwas gibt es doch nicht wirklich zu kaufen...-Lernprozesse hatten langsam begonnen.
So wurden aus angenehmen Fremden - gute Freunde!

Etwas bleibt noch nachzutragen: Marianne und Thomas sind ein bis zwei Jahre später aus dem geliebten - und gehaßten - Leipzig weggezogen. Sie nach Winnenden als Dolmetscherin und Leiterin an einer Gehörlosen-Schule. Thomas ging als Ingenieur nach Hagen in die Stahlindustrie. Jahre später bauten beide gemeinsam ein Haus in Gevelsberg, zwischen Hagen und Wuppertal.

Welch eine tolle Geschichte, wäre Marianne nicht an Krebs erkrankt und in die lichte Welt des Geistes eingegangen. Sie bestand darauf, sie vorher noch in ihrem wunderschönen Haus zu besuchen...

Thomas war immer wieder mal bei uns in Berlin. Wir sahen ihn am 16.8.2008 in Hagen - mit seiner jungen russischen Frau und deren 6-jährigem Sohn. Alle Drei kommen bald wieder nach Berlin.

Soweit möge nun die Berichterstattung gehen - nicht nur für die Nachwelt, nein, auch für unseren eigenen Sohn und unseren Freund Thomas aus Leipzig.
Ich aber habe mir aus gegebenem Anlass über das Mauerbauen einige weitere Gedanken gemacht.

Und nicht nur über diese trennende Mauer durch unser Heimatland; (siehe auch Jerusalem - auch Grenze zwischen Mexiko und den USA!) Nein, auch darüber, was sich Menschen gegenseitig antun und wie ein Mensch mit der Seele eines anderen Menschen umgeht! Und sogar mit der eigenen Seele. Es geht bitte noch einmal, lieber Leser, um

Die Mauer

Du baust 'ne Mauer um dein Herz herum! - Warum?
Sie tut nur weh - engt dich doch zu sehr ein...Wenn du so weiterbaust, bekommst du'n Herz aus Stein,
Dein herz will atmen - freie Luft - ganz klar und rein...Sie war wohl nötig einst - die Mauer um dein Herz -
Sie sollt' bewahren dich - und Herz - vor Schmerz.
Doch endlich hast nun lieben du gelernt...
Ganz unpersönlich - frei - und wirklich rein.
Den Schutzwall brauchst du fürder nicht - vergiss ihn nur;
Dank" deinem Herzen, dass es dich bis hier beschützt;
Und bitte es, dir Einsicht zu gewähren
in alle Deiche, Fesseln, Mauern - deiner Welt.
Zerbrech sie dann - tu sie weit auf....
Gib Herz und Seele wieder freien Lauf...Dann wirst du freier atmen können - lernst versteh'n--Und selbst dem Bruder dich zu öffnen - klarer seh'n.

Und lausch, was es - dein Herz - dir sagen will..

Damit sei nun aber auch verbunden ein liebendes Gedenken an alle jene Menschen, die auf Grund der physischen Mauer ihr Leben gelassen haben.....
Mit allen guten Gedanken:

Harold Grewe.
Geboren in Bielefeld, seit 1975 in Berlin

Mit Dankbarkeit im Herzen und Zufriedenheit in meiner Seele tiefem Grund....

Mit lieben Grüßen!
gez. Harold Grewe