John Christall

Für mich, John Christall, war der 09.11.1989 ein ganz normaler Arbeitstag. Ich war um 7.00 Uhr an meiner Hobelbank, damals habe ich als Tischler gearbeitet, und um 16.30 Uhr hatte ich Feierabend. Die Öffnung der Mauer habe ich verschlafen.
Am nächsten Morgen wurden in den Nachrichten bei Rias 2 eigenartige Dinge erzählt. Man sprach von DDR Bürgern auf dem Ku-Damm und einer geöffneten Mauer usw. Das konnte mich noch nicht dazu bewegen, etwas zu unternehmen. Ich war pflichtbewusst um 7.00 Uhr wieder in der Tischlerei.
Nach meinem Feierabend war es anders. Ich fuhr gleich zu meiner damaligen Freundin, die am diesem Tag ihren 19. Geburtstag hatte. Dort wurde mir von den Eltern mitgeteilt, Mobiltelefone gab es ja noch nicht, dass sie fast den ganzen Tag in der „Bauhofstraße“ war, um einen Stempel zu bekommen. Den brauchte man angeblich, um „rüber“ fahren zu dürfen. Als ich sie dort in der Schlange fand, war es bereits 17.00 Uhr und es waren noch geschätzte 200 Meter bis zum Eingang des Gebäudes. Kurzentschlossen entschieden wir, dass wir es so probieren. Schließlich hatten wir für 20.00 Uhr zum Geburtstag geladen und nicht viel Zeit für „geschichtlich herausragende Ereignisse“.
So verließen wir die eine Schlage und begaben uns mit meinem Motorrad (für den Kenner: TS 150 mit ca. 11 PS) in Richtung Grenzübergang Dreilinden. Hier waren wir nicht allein, auch hier gab es eine Schlange. Beim Auffahren auf die Autobahn dämmerte mir doch langsam die Bedeutung, da ich diese Auffahrt sonst nie benutzen durfte. Außerdem war ich als Kleinmachnower direkt an der Mauer groß geworden und kannte aufgrund meines Alters nur diesen Zustand.
Den Stau zu überwinden war mit dem Motorrad nicht schwer, so dass wir schnell nach vorn kamen. Hier waren wir nun ohne „den Stempel“ (vor einem Tag hätte auch ein Stempel nichts genutzt und wir wären verhaftet worden) und es war kein Problem. Es war nicht zu fassen, plötzlich konnte man ohne großes Problem nach Westberlin. Also weiter Richtung Ku-Damm, darüber hatte man viel gehört. Das dieser eine recht normale „Einkaufsstrasse“ ist, wurde mir erst vor Ort klar. Spannend war das Dreieck am Funkturm, ich kannte vorher nur das „Leipziger Dreieck in Potsdam“ als ganz große Kreuzung. Ohne Navigationsgerät haben wir den Ku-Damm gleich gefunden und sind ein wenig spazieren gewesen.
Als wir zurück wollten, habe ich vorsorglich einen Polizisten gefragt, um mich nicht zu verfahren. Dieser fragte zunächst sehr freundlich, wo mein Auto steht. Das überraschte mich ein wenig, da ich Motorradsachen an hatte und meinen Helm in der Hand hielt. Hier wurde mir aber schnell klar, dass der Unterschied zwischen „Ossis und Wessis“ nicht so groß sein kann. Unser Rückweg zur Geburtstagfeier führte dann unfreiwillig über die Abfahrt Spanndauer Damm, da ich nicht gleich den richtigen Weg gefunden habe. Das lag aber sicher nicht nur an der Erklärung des freundlichen Polizisten.