Martina Reichelt

Ich war nicht vor Ort beim Mauarefall und habe es leider total verpennt. Mein Mann und ich waren am Tag zuvor, also am 9. 11. in Ostberlin einkaufen (H-Milch, Berliner Pilsner etc.), sind noch Oberbaumbrücke mit den Gedanken vorbei gefahren: „hier war mal ein offizieller Übergang nach Westberlin“. Abends haben wir auch den Schabowski im Fernsehen mit seiner inzwischen historischen Äußerung gesehen und gehört und dachten nur: „Aha, nach entsprechender Antragstellung dürfen wir evtl. mal ins NSA (Nicht sozialistische Ausland) fahren – warten wir`s mal ab… (Kann man mal sehen, wie sehr wir schon Teil dieses Systems waren, ohne es bewusst zu merken!)

Am nächsten Morgen bin ich aufgestanden (ich hatte meinen Haushaltstag vor mir, mein Mann war bereits zur Arbeit gegangen, die Kinder bei Oma und Opa) und ich hatte mir für den Tag einen entsprechenden Plan zurechtgelegt… Daraus wurde jedoch nichts. Die erste Meldung im Radio „Was, Tumult an der Grenze, die Grenze ist offen!!!“ konnte ich kaum fassen. Als ich dann die Bilder im Fernsehen sah, kamen mir Tränen der Freude. Was also tun, um so schnell wie möglich an das Visum für die Einreise in die BRD oder Westberlin zu kommen. Auf`s Fahrrad geschwungen, zu meinem Mann ins Betonwerk (sein damaliger Arbeitsplatz) gefahren, um den Personalausweis zu holen und dann ab zur Polizei nach Teltow. Dort schon eine riesen Schlange, also mit eingereiht – etwas anderes hätte ich in diesem Moment sowieso nicht tun können. Am späten Nachmittag hatte ich dann den Stempel im Reisepass.

Gefahren sind wir glaube ich erst am Sonntag danach zu unserer Verwandtschaft. Das weiß ich gar nicht mehr so genau, nur noch dass unser Sohn (damals 6 Jahre) ständig fragte, wann wir denn endlich da wären. Und als wir dann sagten: „jetzt“, er uns mit der Bemerkung: „sieht ja auch nicht anders aus als bei uns“ etwas verblüffte.