Peter Dörrie (01)

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im November 2006

Vor 45 Jahren, am 13. August 1961, wurde die Mauer gebaut - vor 17 Jahren, am 9. November 1989, fiel sie. Unser Redakteur Peter Dörrie war dabei. Wir wollen mit Bildern und Berichten aus seinem Archiv an die bewegenden Ereignisse und an die Maueröffnungen in unserem Bezirk im November 1989 und den darauffolgenden Monaten erinnern.



Glienicker Brücke, 10. November 1989
- aus dem Tagebuch:
Hella kommt spät vom Fliegen zurück. Sie hat erst mittags von den historischen Ereignissen erfahren. Da um 18 Uhr die Glienicker Brücke geöffnet worden ist, fahren wir um 24 Uhr dorthin und holen vorher noch Olli ab. Es ist unglaublich: Wir gehen über die Brücke, über den weißen Strich auf der Brückenmitte, der die Grenze zwischen zwei Welten markiert, bis an einen Zaun, hinter dem die DDR-Grenzer abfertigen. Weiter dürfen wir nicht. Auch hier: Sektduschen für ankommende Trabbis und Wartburgs, auf das Wagendach schlagen, Begeisterungsschreie und -pfiffe, Tränen der Freude ...
Neben mir steht ein Mann, der allen heimwärts fahrenden DDR-Bürgern zuruft:

„Auf Wiedersehen! Kommt wieder!"

Wir stehen zu dritt neben dem Zaun, hören den bewegenden Erlebnisberichten von Potsdamer Bürgern zu und fragen uns immer wieder: Ist das wahr, was wir hier in dieser Nacht erleben? Auf der Brücke der Einheit (die diesen Namen jetzt wahrlich verdient), ein paar Schritte von Potsdam entfernt? Träumen wir? Aber es sind keine Träume - der infernalische Gestank der Trabbiauspuffgase holt uns in die Wirklichkeit zurück. Völlig aufgelöst laufen wir zum Auto zurück - uns entgegen kommen immer noch unzählige Trabbis und Wartburgs, die auf der Heimreise sind. Um drei Uhr morgens insBett, noch völlig aufgedreht und bewegt von dem Erlebten.

Bereits knapp 24 Stunden nach Schabowskis Worten, am 10. November um 18 Uhr, waren an einem symbolträchtigen Ort die Barrieren beiseite geräumt worden und der erste Übergang im Südwesten Berlins geöffnet: auf der Glienicker Brücke, der „Brücke der Einheit". Nie war dieser Begriff passender als in diesen Stunden! In den Jahren des Kalten Krieges erlangte sie eine weltweite, traurige Berühmtheit. Wiederholt waren hier bekannte Spione aus Ost und West ausgetauscht und wichtige Gefangene aus DDR-Gefängnissen gegen hohe Lösegeldzahlungen freigelassen worden. Die ganze Nacht hindurch und erst recht am folgenden Tag strömten an diesem Ort glückliche Besucher aus Potsdam und der DDR nach Berlin (und wiederzurück). Richard von Weizsäcker, der damalige Bundespräsident, kam am nächsten Tag und berührte bewegt das Ortsschild von Potsdam. Potsdam war ein Teil seiner Jugend gewesen. Nun sollte es bald wieder für jedermann ohne Schwierigkeiten zu erreichen sein.


Ostpreußendamm/Philipp-Müller-Allee 14. November 1989 - aus dem Tagebuch
Der 14. November beginnt grau'und nebelig. Am Übergang hat sich schon eine große Menschenmenge angesammelt. Über Nacht ist gahze Arbeit geleistet worden: Zwei Fahrspuren für PKW's sind bereits markiert, das Ortsschild „Teltow" ist aufgestellt und beiderseits der Fahrbahn stehen Abfertigungshäuschen. Mittendrin ein massiver Wachtturm - nun ohne Funktion.

Um 8 Uhr treten die Grepos beiseite und geben damit den Übergang frei. Als erstes Fahrzeug tuckert ein Lanz-Bulldog Trecker über den Übergang. Wildfremde Menschen kommen aufeinander zu, umarmen sich, weinen Freudentränen - besonders die Männer! ... Auch uns sitzt mal wieder ein dicker Kloß im Hals ... Viele Blumen, aber auch Obst, wechseln die Besitzer. Glücksgefühle und Trabbiauspuffgase benebeln die Sinne. Über dem Ostpreußendamm ist ein großes Spruchband befestigt: „Willkommen im Bezirk Steglitz". Und dann können wir - ohne Visum und Zwangsumtausch! - für kurze Zeit die Grenze überschreiten und zum ersten Mal das Gebiet betreten, das wir seit Jahren aus der Ferne gesehen haben, nur ein Steinwurf über den Teltowkanal von uns entfernt und doch so unerreichbar. Ein unglaubliches Gefühl! Wir haben schon so viel von der Welt gesehen - aber dieser Moment ist etwas ganz Einmaliges!
Gleich hinter der Mauer: spanische Reiter, die vor einem Haus im Grenzgebiet mit Büschen und Bäumen umgeben sind. Frau Stenzel, die Hausbesitzerin, klärt uns über die Schikanen und Repressalien auf, die sie und ihr Mann als Bewohner im Grenzgebiet erleiden mussten. Wir können es nicht fassen, was wir hören. Ihr Mann liegt krank im Bett, deshalb kann sie nicht einkaufen gehen. Ich verspreche ihr, mittags wiederzukommen und Obst mitzubringen.

Jubel, Tränen und Vitamine


Neugierig (und aufgeregt) gehen wir die Philipp-Müller-Allee hinunter und entdecken eine Kaufhalle. Ich muss unbedingt eine Flasche DDR-Bier für den Abend haben, Hella gibt sich mit einer Packung Kekse zufrieden. In den Seitenstraßen sehen wir hinter zugezogenen Gardinen einige Gesichter, die nicht ganz so glücklich aussehen: Angst vor der Zukunft? Oder vor uns aus dem Westen?



Der Strom für den Stacheldraht auf der Inlandsmauer ist abgeschaltet worden: Nun wird der Draht zerschnitten und in kleinen Stücken als Souvenir verteilt. Anwohner aus Ost und West versorgen die Bausoldaten mit wärmenden Getränken. Mit viel Obst im Rucksack fahre ich mit dem Rad mittags wieder zum Grenzübergang. Der ist;. jedoch bereits wieder dichtgemacht worden, d.h. nur mit Visum und Zwangsumtausch zu passieren. Man will mich nicht durchlassen, erst als ich den Chef des Übergangs spreche und ihm von Frau Stenzel berichte, lässt der mich durch („... nur für eine Stunde!") Damit bin ich wohl der erste Westberliner, der diesen Grenzübergang mit dem Fahrrad passiert hat! Große Freude bei den Stenzels.
Ich nutze anschließend die Gelegenheit und erkunde ausführlich Seehof und Umgebung mit dem Rad. Am Grenzübergang gibt es aus der Gulaschkanone warme Suppe, ich werde prompt dazu eingeladen. Und als ich mich wieder auf den Heimweg mache, werde ich auf der Westseite von Schülern und Anwohnern jubelnd mit Schulterklopfen und einem herzlichen Willkommen in Westberlin begrüßt...!


Am Morgen des 13. November begannen Bausoldaten, den „antifaschistischen Schutzwall" am Ende des Ostpreußendammes für einen Übergang nach Seehof/Teltow einzureißen. Mit schwerem Gerät wurden Betonpfähle und Betonplatten, die unter dem westlichen Grenzzaun senkrecht eingegraben waren und eine Flucht unter dem Zaun hindurch verhindern sollten, aus dem Erdreich gezogen. Die Arbeiten dauerten den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein. Abends hatte sich beiderseits der Grenze eine große Menge Schaulustiger eingefunden. Brennende Kerzen auf dem Gehwegrand und im Grenzzaun auf westlicher Seite ergaben im Novembernebel ein stimmungsvolles Bild. Gut war auch die Stimmung unter den Schaulustigen: Plötzlich kam eine Gruppe DDR-Bürger über den noch unfertigen Grenzübergang gerannt und wurde auf westlicher Seite mit den Worten: „Jetzt kommen die Teltower Rübchen" freudig begrüßt.
Erst am 1. Weihnachtstag entfielen Visumspflicht und Zwangsumtausch („Eintrittsgeld"). Damit war Berlins südwestliches Hinterland auch für die Westberliner offen. Darüber und über weitere Grenzöffnungen in unserem Bezirk mehr in unserer nächsten Ausgabe.


Peter Dörrie



„Und deshalb haben wir uns entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen". So wortwörtlich SED-Politbüromitglied Günter Schabowski trocken, emotionslos und unvorbereitet auf einer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989. Und auf die Frage eines Journalisten, ab wann: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort. Unverzüglich". Ursprünglich sollte die neue Reiseregelung, die er damit ansprach, erst am nächsten Tag in Kraft treten. So aber brachte er mit seinen Worten eine Lawine ins Rollen, die mit der überraschenden Maueröffnung in der Nacht vom 9. zum 10. November begann und am 3. Oktober 1990 mit der Wiedervereinigung endete. Die Bilder und Berichte von den historischen Ereignissen an diesem Abend und im Zusammenhang mit den Maueröffnungen am Brandenburger Tor, dem Potsdamer Platz, der Bernauer Straße und anderen Stellen gingen damals um die Welt.

Peter Dörrie




Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 102, November 2006, 10. Jahrgang