Peter Dörrie (11)

Über den Umgang mit jüngster deutscher Geschichte

167 Straßen verbanden einst West-Berlin mit dem Umland, viele davon auch bei uns im Süd-Westen. Sie wurden mit dem Bau der Mauer zugesperrt und wuchsen mit der Zeit zu. Oder wurden von Anwohnern genutzt, um im Schatten der Mauer ihre Gärten zu erweitern - stillschweigend geduldet von der DDR. Dann fiel die Mauer, die Straßenverbindungen wurden reaktiviert, und bald rollte der Verkehr wieder von Ost nach West und dann auch umgekehrt. Ein Stück Normalität kehrte ein. Und fährt man heute von Zehlendori nach Kleinmachnow oder von Lichterfelde nach Teltow, ist das so normal, als führe man von Mannheim nach Ludwigshafen. Die Narben, die der Todesstreifen schlug, sind (fast) verheilt.

Und doch: Da war doch was? Richtig, hier gab es eine Mauer, einen Hinterlandzaun mit elektrischem Stacheldraht, einen Todesstreifen mit Kolonnenweg und Wachttürmen, Hunde, Panzergraben mit Panzersperren -und einen Schießbefehl...
Nichts mehr davon ist zu sehen heute, fast spurlos verschwunden die Relikte der am schärfsten bewachten Grenze Europas. Alles ganz normal - und doch irgendwie seltsam.
Über fünf Orte, an denen die Mauer geöffnet wurde, haben wir berichtet und daran erinnert, dass sich hier jubelnd und weinend Menschen aus Ost und West glücklich in den Armen lagen. Doch nur an zwei von diesen Stellen wird sichtbar an die deutsche Teilung und ihrem Ende erinnert: am Ende der Zehlendorfer Benschallee mit einem großen Gedenkstein und hinter der Glienicker Brücke auf Potsdamer Gebiet mit einer Skulptur. Nike, die griechische Siegesgöttin, steht hier auf einer hohen Stele - geschunden und gebrochen. Ein Hinweis des Künstlers Wieland Förster auf Repressalien der DDR-Regierung gegenüber den eigenen Bürgern und auf Folterqualen, die politische Häftlinge in Staatsgefängnissen erleiden mussten. Geschunden und gebrochen, aber letztlich doch siegreich.

Verlässt man den westlichen Teil Berlins über eine der Autobahnen, so fährt man an Tafeln mit der Aufschrift „Deutsche Teilung 1945 -1990" vorbei. Solche oder ähnliche Hinweise auf die jüngste deutsche Geschichte fehlen an den Ausfallstrassen in unserem Bezirk gänzlich. Die ehemaligen „Grenzübergangsstellen" in unserem Bezirk habe ich in den letzten Monaten öfters aufgesucht. Kaum etwas lässt heute erkennen, dass an diesen Stellen einmal die deutsch-deutsche Grenz verlief.Häufig traf ich dabei auf Menschen, die hier spazieren gingen und denen die Bedeutung dieser Orte nicht geläufig war - aber gern Näheres darüber erfahren hätten. 17 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es an der Zeit, dass an diesen Plätzen, an denen die deutsche Teilung überwunden wurde, mit erläuternden Tafeln auf die Bedeutung dieser Stätten hingewiesen wird - und wie es hier vor 18 Jahren einmal ausgesehen hat...
Denn zu vieles gerät zu schnell wieder in Vergessenheit - oder wird verdrängt. Begangenes Unrecht wird zu schnell verklärt. Ein großer Teil der jungen Menschen in unserem Land kennt die DDR - und damit auch die ehemalige Grenze - nur noch vom Hörensagen. Und laut einer Umfrage halten 7% der bundesdeutschen Schüler Erich Honeckerfür den zweiten deutschen Bundeskanzler....


Peter Dörrie

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 111, Oktober 2007, 11. Jahrgang