Peter Dörrie (02)

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im Dezember 2006/Januar 2007

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf Wir setzen unsere Serie über die Maueröffnungen vor 17 Jahren mit den Erlebnisberichten unseres Redakteurs Peter Dörrie fort. Im Dezember 1989 erfolgte eine weitere Maueröffnung in unserem Bezirk. In diesem Monat entfielen Visumspflicht und Zwangsumtausch. An vielen Stellen wurde in Steglitz-Zehlendorf damit begonnen, die Mauer abzubauen.


Noch nicht einmal 5 Wochen nach dem geschichtsträchtigen9. November 1989 wurde am 9. Dezember die Mauer am Ende der Benschallee durchbrochen. Hier entstand - zunächst nur für Fußgänger und Radfahrer - eine GUST (DDR-Abkürzung für „Grenzübergangsstelle") von Zehlendorf nach Kleinmachnow. Heute befindet sich hier eine viel befahrene Ausfallstraße. Und ein großer Findling erinnert an die Opfer der deutsche Teilung von 1949 bis 1989.


10. Dezember 1989 - aus dem Tagebuch



In der Mittagszeit fahren Hella und ich bei herrlich klarem Winterwetter zur Benschallee. Hier soll ein neuer Grenzübergang entstehen. Tatsächlich klafft am Ende der Straße ein großes Loch in der Mauer: Hier sind bereits drei Mauersegmente herausgehoben worden; die Lücke in der östlichen „Hinterlandmauer" ist um einiges größer. Zahlreiche Zehlendorfer haben sich eingefunden, ebenso auf der anderen Seite viele Kleinmachnower, die die Bauarbeiten auf dem Grenzstreifen interessiert verfolgen. Die tiefstehende Wintersonne wirft lange Strahlen durch das Loch in der Mauer in den Westen. Das hat Symbolcharakter: Licht aus dem Osten ...!
Während Schaufellader und LKWs auf dem Grenzstreifen geschäftig hin und her fahren, stehen DDR-Grenzpolizisten („Grepo") und Westberliner Polizisten entspannt nebeneinander und unterhalten sich. Aus zwei Wachttürmen auf dem Todesstreifen wird die Szenerie von Grenzsoldaten beobachtet. Die haben gottlob nichts mehr zu tun ... Ein Zehlendorfer fängt an, mit Hammer und Meißel die Mauer zu bearbeiten, um Stücke herauszuschlagen. Das bringt dann doch einen Grepo in Rage und er herrscht den Mann an, was er wohl dazu sagen würde, wenn er an dessen Haus Mauerstücke herausschlagen würde. Eigenartige Logik, aber Hammer und Meißel werden wieder eingepackt. Das ist der einzige Vorfall, ansonsten herrscht eine friedliche und entspannte Atmosphäre. Es ist für uns immer noch nicht zu fassen: Wir sind dabei, wie die Mauer geöffnet wird! Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir an einem schlichten Holzkreuz vorbei, welches daran erinnert, dass vor 24 Jahren der erst 21jährige Christian Buttkus bei einem Fluchtversuch in Kleinmachnow von Grenzsoldaten erschossen wurde. Das soll - bei aller Freude - nicht vergessen werden! Aus einem Baum neben der Straße ertönt plötzlich ein klägliches „Mama". Und nochmal „Mama". Heintje? Nein - wir trauen unseren Augen nicht: Da sitzt ein knallroter Papagei in den Ästen und hat wahrscheinlich Heimweh...

11. Dezember 1989 - aus dem Tagebuch

Frühmorgens Philipp zur Schule gebacht und dann zur Benschallee gefahren. Es ist noch dunkel, als wir dort ankommen.


Eine große Menschenmenge wartet bereits auf die Öffnung, die um 8 Uhr stattfinden soll. Es ist kaum zu glauben - der Straßenbelag dampft vor sich hin. Erst vor wenigen Minuten ist auf die alte Straßenpflasterung der Asphalt gegossen worden, der zweite Fahrstreifen wird sogar noch asphaltiert. Eine wunderbare Fußbodenheizung, sehr angenehm in der frühmorgendlichen Kälte. Bürgermeister Kleemann (Zehlendorf) und Weber (Kleinmachnow) begrüßen sich auf der Mitte des Grenzstreifens, und dann knallen die Sektkorken. Großes Gedränge, wir mittendrin. Und wieder bewegende Szenen: Machnower Bürger gehen durch ein dichtes Spalier nach Zehlendorf, mit Umarmungen und Freudentränen begrüßt. Über unsere Köpfe schallen Rufe: „Was macht Günter? Wo wohnt er? Hast Du seine Adresse?" Alte Schulfreunde, die jahrzehntelang durch die Mauer getrennt waren, finden sich in der Menge wieder. Bewegende Szenen, die auch uns die Tränen in die Augen treiben. Viele Plakate auf beiden Seiten werden in die Höhe gehalten: „10 347 Tage haben wir darauf gewartet - Machnow grüßt Düppel-Zehlendorf", „Kleinmachnow grüßt Nikolassee", „Zehlendorf grüßt Kleinmachnow". Und dann geht es zu Fuß mit dem Zehlendorfer Bezirksamt zum Bürgermeisteramt Kleinmachnow - wir gehen mit. Dort findet eine kleine Zeremonie statt. Wir gehen durch die Seitenstraßen und staunen wie kleine Kinder über die neue Welt, die sich uns auftut. Aber auch hier - wie in Seehof - einige Leute hinter zugezogenen Gardinen, die uns misstrauisch beäugen. Das stört uns nicht, im Gegenteil: Kleinmachnow gefällt uns in seiner Kleinteiligkeit. Ich muss an die Schriftstellerin Maxie Wander denken, die hier lebte und mit ihren Tagebuchaufzeichnungen und Briefen in dem Buch: „Leben wär' eine prima Alternative" ihr Leben in Kleinmachnow beschrieben hat. Inzwischen ist es heller geworden. Wir machen uns auf den Rückweg. Am Übergang hat sich die Menschenmenge aufgelöst und die Grepos sind wieder mit den Westberliner Polizisten im lockeren Gespräch. In den Tournistern der Grenzpolizisten stecken rote Rosen und Nelken ...

Neuruppiner Straße, Mauerabbau in Zehlendorf, 14. Dezember 1989
- aus dem Tagebuch

... Ich bin erstaunt, wie einfach der Mauerabbau vonstatten geht:






Zuerst wird die Asbeströhre abgehoben, dann kommt ein Radlader mit einer riesigen Greifvorrichtung, greift von oben das Mauersegment, ruckelt etwas, und schon ist ein Mauerelement frei. Das ist nicht im Boden verankert, sondern steht einfach so auf märkischem Sandboden. So geht das Stück für Stück, und bald ist der Blick nach über 20 Jahren wieder frei von Zehlendorf nach Machnow und umgekehrt. Und anschließend landen die Mauerteile auf dem Schuttplatz der Geschichte ... Erst später erfahre ich, dass die Mauerteile zu Granulat verarbeitet werden, welches dann im Straßenbau verbaut wird. Wenigstens passiert so etwas Sinnvolles mit diesem unseligen Bauwerk.

Teltow-Seehof, Weihnachten 1989 - aus dem Tagebuch

Weihnachten entfallen endlich für uns Zwangsumtausch und Visumspflicht. Bei herrlichem Winterwetter (kalt, trocken und klar) radeln wir zu dritt zum Übergang Ostpreußendamm, nur 5 Minuten von uns entfernt. Unsere erste gemeinsame Radtour in den Osten! Die Einreiseprozedur ist problemlos: Pass vorzeigen, Zählkarte in Empfang nehmen (muss bei der Ausreise ausgefüllt abgegeben werden), und schon sind wir durch. Unglaublich - wie oft haben wir bei der Einreise nach Ostberlin am Übergang Heinrich-Heine-Straße endlos warten müssen und sind dann auch noch gefilzt worden („Gänsefleisch mal den Gofferraum ufmachen"). Und jetzt ist alles so einfach.
In einigen Vorgärten stehen Schilder: Herzlichst willkommen! Im Zentrum von Teltow spricht uns eine Frau an: Auch sie heißt uns herzlich willkommen und schenkt uns eine Broschüre von Teltow - mit Stadtplan! Ich bin begeistert: endlich eine Karte mit der näheren Umgebung! Die Schinkelkirche im alten Ortskern, deren Kirchturm wir seit Jahren aus der Ferne gesehen haben und die doch so unerreichbar für uns war, ist geöffnet. Und so können wir hier unseren Dank für dieses wunderbare, unerhoffte Weihnachtsgeschenk, dem friedlichen Mauerfall und der Grenzöffnung, loswerden.
Peter Dörrie


Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 103, Dezemberr 2006/Januar 2007, 10. Jahrgang