Peter Dörrie (03)

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im Februar 2007

Wir setzen unsere Serie über die Maueröffnungen vor 17 Jahren mit den Erlebnissen unseres Redakteurs Peter Dörrie fort. In den Monaten Januar und Februar 1990 wurden keine weiteren Grenzübergangsstellen in Steglitz/Zehlendorf geöffnet. Dafür konnten jedoch über die drei neu eröffneten Grenzübergänge problemlos Ausflüge mit dem Auto in das Umland unternommen werden.
Potsdam 10. Januar 1990 - aus dem Tagebuch
78. Geburtstag von Onkel Fritz. Er ist mit Angela (seiner Enkeltochter aus Houston, Texas) extra aus Alfeld nach Berlin gekommen, um diesen Tag (und den Fall der Mauer!) gemeinsam mit uns in seiner alten Heimatstadt zu feiern. Weil sie sich schon in Berlin umgesehen haben, schlagen wir einen Ausflug nach Potsdam vor - beide sind begeistert. Kurz vor der Glienicker Brücke stellen wir das Auto ab und gehen zu Fuß weiter. Auf der Brücke, unmittelbar vor dem Grenzstrich, bleibt Onkel Fritz stehen und sagt mit Tränen in den Augen:
„Das hätte ich nie gedacht, dass ich das noch erleben darf - an meinem Geburtstag zu Fuß über die Glienicker Brücke". Uns berühren seine Worte tief, und es wird uns wieder bewusst, welch' wunderbares Geschenk die Maueröffnung ist. Was muss das erst für Onkel Fritz bedeuten, der den Mauerbau vor über 28 Jahren miterlebt hat!Holländisches Viertel. Während Hella und ich trotz des Verfalls der Häuser begeistert sind und uns gut vorstellen können, wie schön dieses Viertel einmal gewesen sein muss, meint Onkel Fritz trocken, dass doch die Häuser nichts mehr wert und samt und sonders abrissreif sind ... So unterschiedlich können Sichtweisen und Meinungen sein.
Ganz anders dann das Urteil über Sanssouci: beide sind tief beeindruckt. Für einen Schlossbesuch ist es leider zu spät, es gibt keine Eintrittskarten mehr. So gehen wir in der Dämmerung durch die Berliner Vorstadt wieder zurück Richtung Glienicker Brücke.


Blankensee 21. Januar 1990 - aus dem Tagebuch
Nach ausgedehntem Frühstück und verzweifelter Suche nach geeigneten Straßenkarten für das südliche Umland Berlins fahren wir zu dritt über die GÜST (Grenzübergangstelle) Ostpreußendamm und Seehof/Teltow die Landstraße in Richtung Süden, einfach so, ohne vorgegebenes Ziel. Wir sind neugierig auf dieses für uns so unbekannte Land, das so lange Zeit unerreichbar für uns war.
Bald erreichen wir kleine Dörfer, deren Namen wir noch nie gehört haben: Genshagen, Löwenbruch, Kerzendorf usw. Großbeeren kommt uns bekannt vor, da haben wir schon mal im Geschichtsunterricht etwas über eine große Schlacht der Preußen gegen die Franzosen gehört - und wieder vergessen. Hier steht ein mächtiger Aussichtsturm mitten in der Straße - leider geschlossen. Die Straßen sind wie ausgestorben, kaum ein Mensch zu sehen. Grau und trist die einen Dörfer, mit bescheidenen Mitteln herausgeputzt die anderen. Aber immer ist der Grünstreifen bzw. der unbefestigte Gehweg vor den Häusern frisch und ordentlich geharkt. Wir fühlen uns in unsere Kindheit zurück versetzt: Das sieht ja zum Teil noch so aus wie bei uns in den fünfziger Jahren! Da gibt es noch die schönen historischen Haustüren, die Holzfenster besitzen noch die alten Sprossenteilungen (die bei uns schon längst durch gesichtslose „pflegeleichte" Kunststofffenster ersetzt wurden) und vor dem Hauseingang gibt es oft noch die verzierte hölzerne Holzveranda mit Bank. Und dann diese wunderschönen endlosen Alleen mit mächtigen Bäumen! Wie schön müssen die im Sommer sein! „Freie Fahrt für freie Bürger" fällt mir ein - unter diesem unseligen ADAC-Motto wurden bei uns im Westen vor Jahren diese Alleen abgeholzt, um Platz für den wachsenden Autoverkehr zu schaffen ...

Schließlich landen wir in Blankensee. Wir trauen unseren Augen nicht: eine herrlich verwilderte Parkanlage mit kleinem Rundtempel, Skulpturen, Stelen, großen alten Bäumen und verwunschenen Wasserläufen, an denen wir sogar Eisvögel beobachten. Ein ziemlich verfallenes Schlossgebäude, dessen bessere Zeiten noch erahnt werden können. Daneben eine Loggia in römischen Stil. Darin inmitten von allerlei Gerumpel eine große Büste, Statuen und Urnen, alles wild durcheinander. Wir erfahren vom Gärtner, dass Schloss und Park einst dem Schriftsteller Hermann Sudermann gehört haben, der nach der Jahrhundertwende hier lebte und wirkte. Er war es, der die Parkanlage mit italienischem Garten, Skulpturen,' Urnen und Säulen gestaltete. Die Büste in der Loggia stellt ihn höchstpersönlich dar. Nach dem Krieg war bis 1985 im Schloss eine Oberschule untergebracht, nach dem Schulauszug verfiel es. Der Ort ist sehr hübsch an einem großen See gelegen und besitzt liebevoll renovierte Bauernhäuser. Ein besonders schönes Fachwerkhaus beherbergt ein Bauernmuseum - ein Kleinod ganz in unserer Nähe! Mittagessen in einem kleinen Dorfkrug: gutbürgerlich, preiswert, schmackhaft. Und mit großer "Sättigungsbeilage"! Abends Nachforschungen über Hermann Sudermann angestellt - ohne Erfolg.

Peter Dörrie

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 104, Februar 2007, 11. Jahrgang