Peter Dörrie (04)

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im März 2007

Wir setzen unsere Serie über die Maueröffnungen vor 17 Jahren mit den Erlebnisberichten unseres Redakteurs Peter Dorne fort.

Im März 1990 gewann die „Allianz für Deutschland", bestehend aus CDU, DSU und DA, die erste freie Wahl seit 44 Jahren in der DDR. In unserem Bezirk wurde die Verbindung auf dem Wasser zwischen Wannsee und Potsdam eröffnet.
Am Zehlendorfer Damm/Machnower Straße öffnete ein weiterer Grenzübergang nach Kleinmachnow. Und Ende März begann die Demontage der Knesebeckbrücke, die Alt-Schönow in Zehlendorf mit Teltow über den Teltowkanal hinweg verband. Eine neue Brücke wird im Juni 1990 die Verbindung wieder herstellen.


Wannsee - Potsdam 3. März 1990 - aus dem Tagebuch
„Leinen los" heißt es um 9.30 Uhr an der Schiffsanlegestelle in Wannsee. Langsam dreht die „Hanseatic" in die Fahrrinne und nimmt Fahrt auf. Vor uns die „Moby Dick", hinter uns die „Havel Queen". Alle Schiffe voll besetzt, viele Berliner wollen bei dieser historischen Schifffahrt nach Potsdam mit dabei sein. An Deck ist es lausig kalt, der Himmel grau und wolkenverhangen.
Moorlake. Wie oft hat man hier an dieser engen Stelle als Segler gewagte „letzte Manöver" durchführen müssen, um bloß nicht hinter die weißen Spitztonnen zu geraten, die die Grenze zur DDR markieren. Die Sacrower Heilandskirche ist noch immer durch den Grenzzaun vom Hinterland abgeschnitten, die Mauer jedoch rechts und links bereits beseitigt. Ein schönes Bauwerk mit seinem freistehenden Campanile!

Glienicker Brücke. Jetzt kommen auch die letzten Fahrgäste, die bisher unter Deck waren, nach oben - das Unterqueren dieser symbolträchtigen Brücke will sich keiner entgehen lassen. Auf der Brücke viele Menschen, die freudig winken. Kein lauter Jubel, eher verhaltene Freude oben und unten.
Langsam geht es unter der Brücke hindurch. Dahinter am Potsdamer Ufer die Zollkontrollstelle für Schiffe. Auch hier winkende Zöllner, die heute nichts zu tun haben. Dann auf der Backbordseite der Schlosspark Babelsberg mit seinem kleinen Schloss am Ufer. Das Personal steht geschlossen auf der Dachterrasse und winkt mit weißen Tischtüchern zu uns herüber. Einfahrt in den Tiefen See. Uns kommen die vollbesetzten Schiffe der Potsdamer Weißen Flotte entgegen. „Sans-souci" und „Cecilienhof" vorneweg, über die Toppen geflaggt, an Deck heftig winkende Menschen. Schiffsirenen heulen, und der Gänsehauteffekt stellt sich ein ...

Jetzt bricht auch die Sonne durch. Die Wannseeflotte dreht bei und folgt den Potsdamer Schiffen Richtung Glienicker Brücke, die sich mit winkenden Menschen gefüllt hat. Gleich hinter der Brücke, auf dem Jungfernsee, wird der Ost-West-Korso von Löschbooten der Feuerwehr begrüßt, die haushohe Fontänen in die Luft spritzen: ein tolles Bild! Vorbei an der Pfaueninsel und Kladow kommen uns, bevor es wieder in den Wannsee geht, die Schiffe der Weißen Flotte aus Ostberlin entgegen. Sie werden von zwei Löschbooten begleitet, die ebenfalls hohe Wasserfontänen in die Luft spritzen. Die Armada der Ausflugsdampfer ist nun auf 14 Schiffe angewachsen. Dazwischen die Boote der Wasserschutzpolizei, der Wasserwacht, des Zolls und auch private Yachten - ein einziges Gewusel... Aber alle finden dann doch Platz im Hafen Wannsee, wo die Schiffe aus Potsdam, Ostberlin und Westberlin dicht gedrängt nebeneinander liegen: nach langen Jahren endlich wieder gemeinsam!

Zehlendorfer Damm/Machnower Straße 31. März 1990
An diesem Tag wurde hier ein weiterer Grenzübergang eröffnet - ausnahmsweise einmal nicht in Anwesenheit unseres Redakteurs. Heute erinnert ein kleiner Gedenkstein, der neben dem Ortsschild versteckt im Gebüsch liegt, mit der Inschrift „Zur Erinnerung an die Wiedereröffnung 31.3.1990" an dieses Ereignis.

Peter Dörrie

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 105, März 2007, 11. Jahrgang