Peter Dörrie (05)

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im April 2007


Wir setzen unsere Serie über die lMaueröffnung vor 17 Jahren in unserem Bezirk mit den Erlebbnisberichten unseres Redakteurs Peter Dörrie fort.

A
m 5. April 1990 trat das erste frei gewählte Parlament der DDR zusammen. Zum Ministerpräsidenten einer Großen Koalition wurde Lothar de Maiziere gewählt, zur Präsidentin der Volkskammer die Ärztin Sabine Bergmann-Pohl. Der Koalitionsvertrag sah die Währungsunion und den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik vor. In unserem Bezirk stellte in weiterer Grenzübergang am Ende der Neuen Kreisstraße ab dem 7. April 1990 die Verbindung zwischen Kohlhasenbrück und Babelsberg für Fußgänger und Radfahrer her. Und durch die Öffnung des "Kolonnenweges" auf dem ehemaligen Todesstreifen wurden „grenzenlose" Radtouren rund um Berlin möglich.

Lichterfelde-Seehof, im April 1990 Aus meinen Erinnerungen
E
s ist immer wieder dieses unglaublich schöne Gefühl, das einen befällt, wenn man bei Sigridshorst den Punkt auf dem Kolonnenweg erreicht hat, an dem dieser rechtwinklig abknickt: der Blick schweift von hier aus über Felder, Äcker und Wiesen in die Ferne - nichts stört, keine Häuser, keine ausufernden Gewerbegebiete und Einkaufszentren, keine Straßen, kein Lärm: nichts, nur grenzenlose Weite. Ungewohnte Stille umgibt einen, nichts zu hören außer dem Gezwitscher der Vögel in der Luft.

Unglaublich, im Rücken die Millionenstadt Berlin, vor einem die unverbaute, freie Natur in Land Brandenburg - bis an den Horizont. Das gibt es nur hier in Berlin und sonst nirgendwo auf der Welt: Die Mauer hat ein Ausufern der Stadt ins Umland verhindert. Fast schlagartig der Übergang von der Mlillionenmetropole in die ländliche Idylle. Als Trennungslinie dazwischen der - jetzt ehemalige - Todesstreifen mit dem Kolonnenweg, den zu überqueren noch vor ein paar Wochen den sicheren Tod bedeutet hätte ...

Und nun steht man hier mit dem Fahrrad und kann gar nicht genug bekommen von dem herrlichen Ausblick, der sich einem bietet. Und denkt dabei an die vielen Jahre zurück, in denen man auf diesem asphaltierten Streifen die DDR-Grenzsoldaten beobachtet hat: auf Patrouille entweder im Trabi oder auf dem Motorrad, immer zu zweit. Oder hinter Fensterscheiben oben im Wachturm. Von dort aus wurde man mit Feldstechern oder auch Fotoapparaten anvisiert. Und hin und wieder wurde unser Winken verstohlen beantwortet...

Vorbei - der Lauf der Geschichte ist gottlob darüber hinweg gegangen. Der Todesstreifen hat seine Schrecken verloren. Spaziergänger und Radfahrer genießen die neue Freiheit, die ihnen dieser Weg bietet. Darunter viele DDR-Bürger, die nun zum ersten Mal in ihrem Leben einen Blick hinter den „Eisernen Vorhang" werfen und fassungslos sind über die perfekt ausgebauten „Grenzsicherungsanlagen". „Für so etwas haben die Geld gehabt" hört man immer wieder. „So etwas" sind mehr als 300 Wachttürme, Signal- und Alarmzäune, Beleuchtungsanlagen sowie Hundelaufanlagen, Selbstschussanlagen und Panzersperren. Gerüchte machen die Runde und verunsichern vor allem Eltern mit Kleinkindern: Der Todesstreifen soll mit Pestiziden verseucht sein (tatsächlich wächst hier nichts wegen des freien Schussfeldes) und ob noch Minen vergraben sind, darüber ist man sich auch nicht so sicher.
An verschiedenen Stellen wurde bereits damit begonnen, den Hinterlandzaun abzureißen. Einige Wachttürme liegen auch schon flach. Mit denen wird kurzer Prozess gemacht: sie bekommen ein Stahlseil umgelegt und werden von Radladern umgerissen. Auch wenn ich es verstehe, dass die DDR-Bürger die Türme nicht mehr sehen wollen und sagen: weg damit - als Mahnmale an diese unselige Zeit sollten doch einige erhalten bleiben ... Ein eigenartiges Gefühl: Die Türme, aus denen wir beobachtet wurden, liegen nun als Trümmer zerschmettert vor uns. Auch als ein Symbol für das Scheitern dieses Unrechtsstaates?!

Peter Dörrie


Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 106, April 2007, 11. Jahrgang