Peter Dörrie (07)

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im Juni 2007




Wir setzen unsere Serie über die Maueröffnungen vor 17 Jahren mit einem Erlebnisbericht unseres Redakteurs Peter Dörrie über die Öffnung des letzten Überganges in unserem Bezirk fort. Dieser verbindet Zehlendorf mit Teltow.

Am 6. Juni 1990 wird in Ost-Berlin die seit 1977 gesuchte RAF-Terroristin Susanne Albrecht festgenommen. Weitere neun RAF-Mitglieder, die ebenfalls seit Jahren gesucht wurden, werden noch im gleichen Monat in der DDR aufgespürt und verhaftet. Sie lebten dort zum Teil schon mehr als 10 Jahre unter Obhut der Stasi und unter falscher Identität.
Bundestag und DDR-Volkskammer billigen mit jeweils großen Mehrheiten die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zum 1. Juli 1990. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli wird die D-Mark offizielles Zahlungsmittel in der DDR. In dieser Nacht entfallen auch die Personenkontrollen an der innerdeutschen Grenze. An der Bernauer Straße beginnt der endgültige Abriss der Mauer. Und am Checkpoint Charlie, dem berühmtesten Grenzkontrollpunkt der Berliner Mauer, wird das Alliierten-Wachhäuschen abgebaut.

Alt-Schönow (Zehlendorf)/Teltow, 23.6.1990 Knesebeckbrücke
In den letzten Tagen des 2. Weltkrieges wurde die Knesebeckbrücke über dem Teltowkanal gesprengt; nach ihrer Instandsetzung ab 1946 war sie 1948 wieder befahrbar. Bis zum Juni 1952: Dann sperrte die DDR die Brücke, da Fahrten ins Umland verboten waren. Nach dem Mauerbau lag sie im Grenzgebiet und verfiel.

Im März 1990 begann die Demontage. Dazu wurde die Brücke aus ihrer Verankerung gehoben und meterweise über den Kanal in Richtung Schönow gezogen, wo die Eisenkonstruktion zerlegt wird. Ein Teil einer ehemaligen Stahlhochstraße soll die Verbindung von Zehlendorf nach Teltow wieder herstellen.


Die Einweihung erfolgt am 23. Juni - ein strahlend schöner Sommertag. Hella und ich fahren mit dem Fahrrad am Kanal entlang zur Brücke. Wir trauen unseren Augen nicht: Auf der Brücke drängen sich die Menschen dicht an dicht - die erste Belastungsprobe für die Konstruktion! Eine unübersehbare Menschenmenge will dabei sein, wenn nach 38 Jahren die alte Verbindung wieder geöffnet wird. Vorerst nur für Fußgänger und Radfahrer, später auch für Pkws. Dann dürfte es in dem idyllischen Alt-Schönow, das bisher ungestört abseits vom Durchgangsverkehr lag, mit der Ruhe vorbei sein.
Daran denkt jetzt wohl kaum jemand. Auf den ersten Blick ist es heute wie immer bei Grenzöffnungen der vergangenen Monate:
die Bezirksbürgermeister halten Reden, Willkommensplakate werden in die Höhe gereckt, freudige Gesichter ringsum. Aber irgendwie ist es doch etwas anders: Es fließen keine Tränen mehr, es sind auch kaum Willkommensrufe zu hören, und Blumen und Obst werden auch nicht verteilt. Es sind ja nun bereits 7 Monate seit der Maueröffnung ins Land gegangen, und da ist bereits fast so etwas wie Normalität eingekehrt. Während die Grenzöffnungen an der Glienicker Brücke, am Ostpreußendamm usw. Feste des Wiedersehens und der Emotionen waren, hat dieses Ereignis mehr den Charakter eines Volksfestes. Mit Luftballons, Schlangenbeschwörern, Tanzmäusen und historischen Kostümen.
Und wohl kaum einer der vielen Menschen beachtet die Inschrift des Steinquaders auf Zehlendorfer Gebiet: „Dem unbekannten Opfer des Terrors. An dieser Stelle wurde am 29.8.1961 ein Deutscher erschossen, weil er den Weg in die Freiheit suchte".
Später wird am gegenüberliegenden Gehweg von Zehlendorfer Bürgern ein Mini-Gedenkstein gesetzt. Er trägt die versöhnliche Inschrift: „Brücken schmieden Eintracht und Frieden. Öffnung 23.6.1990"



Peter Dörrie

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 108, Juni 2007, 11. Jahrgang