Peter Dörrie (08)

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im Juli/August 2007



In unserer letzten Ausgabe haben wir bereits kurz zwei historische Ereignisse erwähnt,.die in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1990 stattfanden: Um Mittemacht entfielen sämtliche Kontrollen an allen innerdeutschen Grenzübergängen. Und die D-Mark wurde offizielles Zahlungsmittel in der DDR. Zur Erinnerung: Es gab zu diesem Zeitpunkt noch immer zwei souveräne deutsche Staaten!
Am 16. Juli 1990 werden im Kaukasus die Weichen für die Wiedervereinigung gestellt: Bundeskanzler Kohl erhält die Zustimmung Gorbatschows zur NATO-Zugehörigkeit Gesamtdeutschlands und zur Übergabe der vollen Souveränität. Damit ist der Weg zur deutschen Einheit frei'...,
Ost- und Westdeutschland feiern gemeinsam, als die Bundesrepublik am 8. Juli in Rom zum dritten Mal Fußballweltmeister wird.

Die DDR-Volkskammer beschließt am 23. August den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zum 3. Oktober. Am 31. August wird in Ostberlin der Einigungsvertrag, der auf 1000 Seiten die Einzelheiten des Beitritts regelt, unterschrieben. Politiker aus Ost- und Westberlin legen am 13. August erstmals gemeinsam Kränze zum Gedenken an die Opfer an der Berliner Mauer nieder. Und in unserem Bezirk fährt am 2. Juli die S-Bahn zum ersten Mal wieder durchgehend von Wannsee nach Erkner bzw. Königs Wusterhausen.

Zehlendorfer Damm/Machnower Straße Samstag, 30. Juni-Sonntag, 1. Juli 1990

Schon Tage vor dem offiziellen Ende der Personenkontrollen wird an den Grenzübergängen kaum noch lkontrolliert. Autofahrer werden an den Grenzen locker durchgewinkt, Fußgänger und Radfahrer erhalten schon lange keine „Zählscheine" mehr. Warum auch: Die Mauer hat inzwischen so viele Lücken, dass der ehemalige Todesstreifen an vielen Stellen gequert werden kann.Ich fahre spätabends zum Übergang am Zehlendorfer Damm. Grenzer stehen plaudernd vor den Abfertigungs-Holzhäuschen. Die Kontrollstelle auf dem Mittelstreifen ist unbesetzt, das Stoppschild davor umgedreht - jetzt ohne Funktion. An der Fensterscheibe klebt ein DIN-A-4-Blatt. Auf dem steht handschriftlich „Tschüß". Tschüß DDR? Ein Abschied der Grenzer von ihrer Arbeitsstelle?
Noch am Nachmittag haben sie hier mit Freunden und Familienangehörigen zusammengesessen, einige in Uniform, die meisten in Zivil. Mit Bier und Gegrilltem wurde gemeinsam Abschied von der Kontrollstelle „gefeiert". Ganze drei Monate war diese in Betrieb - ab Mitternacht wieder funktionslos. Ein Stück Normalität wie an jeder Ausfallstraße im Bundesgebiet wird hier einkehren. Nur dass rechts und links noch der ehemalige Todesstreifen mit dem doppelwandigen Grenzbauwerk zu sehen ist...

Keine Kontrollen mehr - eine unglaubliche Tatsache für jemanden aus Westberlin, der knapp 20 Jahre lang bei jeder Autofahrt ins Bundesgebiet mit mulmigem Gefühl auf die Kontrollstellen zufuhr, stets die falsche Spur wählte, oft wegen des alten Passbildes angeherrscht wurde („Machen Sie mal das rechte Ohr frei...") und dessen Pass schließlich von DDR-Stempeln überquoll. Wieviel Zeit seines Lebens hat man wartend vor und in diesen Übergängen verbracht? Wofür? Aus und vorbei, nicht darüber nachdenken, sondern sich über die neue „grenzenlose" Freiheit freuen, die uns - und den DDR-Bürgern - geschenkt worden ist!
Die DDR-Bürger freuen sich auch über ein weiteres Ereignis, das ihr Leben verändern wird: Sie begrüßen in der Nacht zum Sonntag die Einführung der Marktwirtschaft und der D-Mark mit Jubel, Böllerschüssen und Hupkonzerten. Es regnet „Alu-Chips", wie die DDR-Münzen wegen ihres hohen Aluminiumanteils genann werden. Am Alexanderplatz beginnt um Mitternacht in einer Filiale der Deutschen Bank unter chaotischen Umständen der Umtausch von DDR-Markt in D-MArk. Die erste "Kohle" erhält ein Kohlenträger. Über Nacht sind die Kaufhausregale mit Westprodukten gefüllt - Marktwirtschaft statt Planwirtschaft.
In den nächsten Tagen bilden sich lange Menschenschlangen vor den Bankschaltern - jetzt aber geordnet. Alles geht seinen „sozialistischen Gang". Die Menschen reagierer besonnen und verfallen nicht in einen Kaufrausch. Der kommt erst später...


Peter Dörrie
Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 109, Juli/August 2007, 11. Jahrgang