Peter Dörrie (09)

Marathonläufer durchlaufen das Brandenburger Tor

Mauerfall Steglitz-Zehlendorf.
Redakteur Peter Dörrie, Steglitz-Zehlendorf, erinnert sich.
Erschienen im September 2007

 

Test the West



Im September 1990 werden die letzten Weichen für die deutsche Wiedervereinigung gestellt.

Am 12. September besiegeln die Außenminister der vier Siegermächte und der beiden deutschen Staaten in Moskau mit ihrer Unterschrift unter den „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland" die Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands. Einen Tag später schließen Deutschland und die Sowjetunion einen Zusammenarbeits- und Nichtangriffsvertrag für 20 Jahre. Gleichzeitig wird bekannt, dass der Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR bis Ende 1994 erfolgen soll. Deutschland muss dafür insgesamt 13 Milliarden DM aufbringen ... Bundestag, Volkskammer und Bundesrat stimmen Ende September dem Einigungsvertrag zu.
Ronald Reagan, der noch vor gar nicht langer Zeit Gorbatschow aufgefordert hatte, die Mauer niederzureißen, besucht Mitte September mit seiner Frau Nancy Berlin und betätigt sich als Mauer-Specht.
30 Bürgerrechtler besetzen am 4. September das Stasi-Hauptquartier in der Normannenstraße. Sie fordern den Verbleib der sechs Millionen Stasi-Akten in der DDR. Eine Woche später treten sie in den Hungerstreik, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dieser wird nach 16 Tagen beendet, nachdem ein Teil der Forderungen in den Einigungsvertrag aufgenommen wurde. Nach 29 Jahren hält die S-Bahn erstmals wieder „Unter den Linden". Der Palast der Republik wird wegen Asbestgefahr


ärathonläufer durchlaufen das Brandenburger Tor
geschlossen. Und 25.000 Marathonläufer passieren am 30. September das wiedergeöffnete Brandenburger Tor.

Ehemalige Grenzübergangsstelle am Ostpreußendamm/Philipp-Müller-Allee im September 1990
Es ist unglaublich: vor zehn Monaten stand an dieser Stelle noch die Mauer, jeder Versuch, sie zu überwinden, wäre tödlich ausgegangen (oder mit Zuchthaus bestraft). Dann fiel im November '89 das Monstrum, und kurz danach lagen sich hier die Menschen aus Ost und West lachend und weinend in den Armen. Noch am selben Tag nahm die Grenzübergangsstelle (GÜST) ihren Betrieb auf. Ab 1. Juli war auch dieser Spuk vorbei:Die Kontrollen wurden für immer eingestellt.Und nun steht hier - statt der DDR-Zollcontainer - ein weiß gestrichenes Holzhäuschen:der Grillimbiss mit dem symbolträchtigen Namen „Zur deutschen Einheit". So steht es auf einem schwarz-rot-goldenem Schild. Der Name hätte nicht besser gewählt werden können, denn mit der Maueröffnung an diesem Ort vor zehn Monaten wurde an einem grauen Novembertag hier tatsächlich ein Stück deutscher Geschichte geschrieben.
Radfahrer und Spaziergänger, welche die neue grenzenlose Freiheit auf dem Mauerstreifen nutzen und das Umland erkunden, sitzen entspannt davor auf dem ehemaligen Todesstreifen bei Broiler, Bratwurst und kühlen Getränken: Wie sehr sich die Zeiten ändern - rasend schnell!

Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite werden auf einer Werbetafel die Besucher aus der DDR aufgefordert:

„Test the West!"

Peter Dörrie


Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 110, September 2007, 11. Jahrgang