Peter Dörrie

Eine Frage, die in diesen Tagen oft gestellt wird: Wo waren Sie in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, als in Berlin die Mauer fiel? Ich war am Kontrollpunkt Checkpoint Charlie dabei, als dort spät in der Nacht die Schlagbäume hoch gingen und die Menschen aus Ost und West sich in den Armen lagen. Hier meine Erinnerungen an Stunden, die die Welt verändert haben.

9. November 1989
„...Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ „Wann tritt das in Kraft?“ „Das tritt – nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich...“.

Was SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf der Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 sagt, kann ich nicht hören - nur sehen. Ich warte auf den Beginn meines Volkshochschulkurses und vertreibe mir die Zeit vor dem Schaufenster eines Fernsehgeschäftes, wo um 19 Uhr die Heute-Nachrichten laufen. Und so sehe ich zwar, was Schabowski so fast nebenbei verkündet, erfahre aber erst später die ungeheure Tragweite seiner Worte ...
Während der Übertragung des DFB-Pokalspiels VfB Stuttgart gegen Bayern München, das ich mir nach dem Kurs daheim anschaue, laufen Textunterzeilen über den Bildschirm, die auf außergewöhnliche Ereignisse in Berlin hinweisen. Ich bin immer noch ahnungslos. Das ändert sich jedoch schlagartig, als in den Tagesthemen erste Berichte mit Originalschaltungen von den Berliner Grenzübergängen gebracht werden. Das Fußballergebnis ist jetzt Nebensache, ungläubig starre ich auf den Bildschirm. Wenn das stimmt, dass die Mauer geöffnet wird - dann muss ich mit dabei gewesen sein.
Auf dem Weg zum Checkpoint Charlie wundere ich mich über den normalen Verkehr auf den Straßen – bei dieser Nachricht müßte doch ganz Westberlin auf den Beinen sein! Das ist jedoch erst am Checkpoint Charlie der Fall: eine große Menschenmenge hat sich dort nach 23 Uhr versammelt, darunter viele Reporter, einige internationale Kamerateams und zahlreiche junge Leute. Die Menschenmenge drängt nach vorn, ich stehe plötzlich in der ersten Reihe. Vor mir nur noch DDR-Grenzpolisten, die hilflos wirken, aber höflich sind - und die Menge nicht zurückhalten können. Rufe ertönen aus der Menge: „Wir wollen rein“ nämlich nach Ost-Berlin, und „Die Mauer muss weg“. Insassen von PKWs, die aus Ostberlin kommen, werden befragt, ob drüben Ostberliner warten, was bejaht wird. Ich drehe mich um und bemerke ungläubig, dass ich die weiße Grenzlinie überschritten habe und mich bereits 20 Meter hinter Schlagbaum und Mauer auf Ostberliner Gebiet befinde. In der Menschenmasse wird es mir allmählich zu eng. Und so dränge ich mich durch auf leicht erhöhte Rasenfläche an der Seite, von wo aus die Situation gut zu überblicken ist.
Kurz vor Mitternacht formiert sich hinter einer Ost-Berliner Hausecke eine Gruppe von ca. 20 Grenzsoldaten. Die kommen um 24 Uhr auf die Menge und die Rasenfläche, auf der ich stehe, zugelaufen. Mir ist mulmig zumute; Erinnerungen an das Massaker in Peking am 4. Juni steigen in mir hoch (vor der chinesischen Führung machte die SED-Führung später ihren Kotau). Die unbewaffneten Soldaten bilden unmittelbar vor mir eine Kette und starren ins Leere. Einige Leute versuchen, sie mit Sprüchen zu provozieren. Zum Glück ist der allergrößte Teil der Anwesenden besonnen und ruft: „Keine Gewalt!“.
Oben auf der Mauer sitzen immer mehr Leute – hintereinander, wie die Hühner auf der Stange... Die Menschenmenge hat sich inzwischen bis an die Grenzbefestigungsanlagen herangeschoben – die Grenzsoldaten immer vor sich her. Zwei von den hinter dem Grenzzaun postierten Uniformierten hat man die Uniformmützen geklaut; ein Westberliner steht auf der Anlage mit der Mütze auf dem Kopf – großes Gejohle. Ich finde das gar nicht gut, wie die Grenzwächter bloßgestellt und provoziert werden. Überhaupt liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Hoffentlich verliert keiner von den so Provozierten die Nerven...
Kurz nach Mitternacht geht der Schlagbaum hoch und die erste Gruppe Ostberliner kommt in den Westen gelaufen: Ohrenbetäubender Jubel setzt ein, Sektkorken fliegen und der Sekt fließt in Strömen. Gleißendes Scheinwerferlicht der Kamerateams macht die Szenerie taghell. Die Ostberliner schwenken ihre Personalausweise. Sie werden gefeiert wie 1954 die Fußballhelden von Bern...
Ich stehe wieder in der Menge, um das aus nächster Nähe mitzuerleben. Bevor die nächste Gruppe kommt, wird die Stimmung erneut angespannt. Japanische Diplomaten und eine russische Patrouille, die nach Ostberlin wollen, werden mit ihren Autos in der Menge eingekeilt und kommen weder vor noch zurück. Man beginnt, die Wagen aufzuschaukeln. Ich stehe direkt daneben – die Japaner wirken sehr verängstigt. Die Randalierer werden angeschrien, dass sie mit dem Quatsch aufhören sollen. Die Russen sind sehr locker und unterhalten sich aus dem Auto heraus mit den Umstehenden, worauf das Geschaukele aufhört.
Die nächste Gruppe Ostberliner kommt – direkt an mir vorbei. Sie muss sich durch eine schmale Gasse kämpfen: Jubelschreie, Sekt spritzt, Bierflaschen machen die Runde, Schulterklopfen, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und weinen – ich habe feuchte Augen. Immer wieder hört man: „Das kann nicht wahr sein“ und „Waaaahnsinn“ oder „Ich glaube es nicht“...
Ein Mann schiebt sich vorbei und murmelt kopfschüttelnd immer wieder „1961“ vor sich hin. Ich halte ihn am Arm fest und frage, was es damit auf sich hat. Da dreht er sich zu mir um (erst jetzt sehe ich, dass er über und über mit Sekt bespritzt ist), sieht mich mit nassen Augen an und sagt: „Weeßte, von 1961 bis 1965 habe ick jesessen, weil ick 1961 an dieser Stelle über die Mauer wollte und jeschnappt wurde. Und jetze komme ick mit diesem Papier hier (er hält seinen Personalausweis hoch) einfach so rüber.“ Dann fängt er an zu weinen, dreht sich um und geht weiter. Ich klopfe ihm nur kurz auf die Schulter und schlucke meine Rührung runter, da drängen schon die Nächsten vorbei: einige ängstlich in der Menge („bloß raus hier“), andere still, ungläubig, und andere mit der Frage nach der nächsten Kneipe. Viele machen das Victory-Zeichen. Eine Frau im mittleren Alter, die mir gegenüber steht, weint still vor sich hin – gerade diese leisen Szenen sind es, die besonders anrühren. Immer wieder knallen Sektkorken, und die Menge singt: „So ein Tag, so wunderschön wie heute...“. Auf der Mauer sitzen die Leute jetzt dicht an dicht hintereinander. Vor ihnen, direkt am Mauerende, ist eine Kerze angezündet worden. Ein symbolträchtiges Bild, das mir immer im Gedächtnis bleiben wird – der Film ist längst vollgeknipst. Und die Grenzsoldaten stehen nur da und starren ins Leere...
Nach 2 Uhr morgens gehe ich zurück zum Auto – aufgewühlt, bewegt und mit der Gewissheit, etwas Unglaubliches und Einmaliges erlebt zu haben. Und noch immer kommen mir Menschen mit Kisten voller Sekt auf dem Weg zum Checkpoint Charlie entgegen. Dorthin, wo sich 1953 amerikanische und russische Panzer gegenüber standen und die Welt am Abgrund stand. In dieser Nacht wurde jedoch an diesem Ort Weltgeschichte geschrieben, wie sie schöner und unerwarteter nicht sein kann...


Peter Dörrie

Einerseits: „Waaahnsinn!“ Fassungslose und glückliche Berliner, andererseits: Unbewaffnete Grenztruppen, hilflos...
Fotos: Peter Dörrie