Martina Bellack

"Der Mauerfall war doch völlig logisch"
Der deutsch-amerikanische Zeitzeuge Ralph Stiewe erinnert sich

Wahnsinn! Nur ein Wort. Mal laut geschrieen, mal leise geflüstert. Nur ein Wort. Und doch beschreibt es Berlin im Ausnahmezustand. Wahnsinn. Endlich Freiheit hieß das, Endlich Demokratie. Endlich ein Wiedersehen. Zehn Jahre ist es her. Das ganze Land, die ganze Welt schaute auf diese Stadt. Eine Resolution „von der Straße" besiegelte das Ende der DDR. Eine Revolution ohne Waffen - und trotzdem erfolgreich. Was haben Sie gemacht, als die Mauer fiel? Fast jeder erinnert sich an „seinen" 9. November 1989. Historische Tage, Wochen, Monate. Wie haben sie die Menschen in Zehlendorf erlebt? Kehren Sie mit dem Morgenpost Lokalanzeiger noch einmal zurück in die Zeit der Wende ". Zehn Jahre danach. Damals regierten Tränen, Freude, Hoffnungen. Und heute? Alltag. Manche Illusion blieb auf der Strecke. Träume erfüllten sich oder platzten, Kameren begannen - oder scheiterten. Und auch die Mauer (in den Köpfen) ist wieder ein Thema.

VON MARTINA BELLACK

Zehlendorf. „Es passiert morgen früh", war über die Jahre die immer gleiche Antwort Ralph Stiewes auf die Frage „Wann fällt die Mauer?". Der Sohn des einstigen Zehlendorfer Bürgermeisters Willy Stiewe zweifelte nie daran, dass der Fall der Berliner Mauer nur eine Frage der Zeit war.
Nicht selten erntete er Spott für diese Ansicht, doch sie entsprang nicht allein naivem Glauben, sondern basierte auf profunder Kenntnis der Geschichte und guten Kontakten zu denen, die später Geschichte machten. Und so war es für ihn „völlig logisch, dass die Mauer wieder verschwinden würde".

Tatsächlich kam es dann fast wie vorausgesagt. „Ich war am 9. November im Krankenhaus, wachte am nächsten Morgen nach einer Operation auf und sah im Femsehen jubelnde Menschenmengen. Da wusste ich: jetzt ist ,morgen früh'." Der heute 68-Jährige war einer der ersten Deutschen, die nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten auswandern durften, 1949 war das: „Ich war 17 und wollte die Welt erobern", erinnert sich der gebürtige Zehlendorfer. Er studierte Staatswissenschaften und Öffentliches Recht in New York, arbeitete in der Fotoredaktion von „Life" und fand schließlich als inzwischen eingebürgerter Amerikaner seinen Traumjob im Außenministerium der USA.
Als Begleiter von Staatsgästen bei Besichtigungstouren gab es für ihn kaum verschlossene Türen in Washington und im Weißen Haus, dafür aber jede Menge Kontakte zur Politik. „Da ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich stets viel gefragt und so mein Weltbild ständig erweitert", erzählt Stiewe. „Die Wende ist nicht plötzlich gekommen", weiß er daher, „sondern das Ende einer langen Geschichte mit glücklichem Ausgang."
Für die Amerikaner stand immer fest, dass die Wiedervereinigung kommen müsse, erinnert er sich. es ging nur darum, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. „Die Mauer fällt, sobald es im Interesse der Russen ist", sei die Ansicht gewesen, die dort im Außenministerium vertreten wurde. 40 bis 50 Jahre habe man dafür einkalkuliert. „Doch alles war von langer Hand vorbereitet, länger als die meisten Menschen ahnen. "Nach seinem beruflichen Wechsel in die freie Wirtschart verschlug es den aufmerksamen politischen Beobachter in den siebziger Jahren zurück nach Berlin. „Ich wollte hier sein, wenn es passiert", sagt er mit Blick auf die Wende. Heute wohnt er wieder dort, wo er aufgewachsen ist: in der Clayallee, gleich neben der Villa, die einst seinen Eltern gehörte.
17 Jahre lang war der jetzige Ruheständler Marketingleiter bei der Königlichen Porzellanmanufaktur (KPM). In dieser Zeit wurden weiterhin Kontakte gepflegt und die Chance, als Amerikaner problemlos die innerdeutsche Grenze zu passieren, weidlich genutzt. Seinen Blick auf die politische Entwicklung hielt der Bürgermeistersohn stets offen, ohne sich selbst in die Politik einzumischen.

Der lang ersehnte Zeitpunkt kam, als Russlands Wirtschaft am Boden lag. „Die Mauer fiel, weil die Russen dringend Geld und Know How benötigten", so Stiewe, „es kam zu einem Poker, bei dem Honecker der Einsatz war". Dass letztlich alles so friedlich ablief, sei das Verdienst der beteiligten Akteure gewesen", meint er. „Dank offener, besonnener Politiker wie Gorbatschow und Kohl erlebten wir eine Sternstunde der Menschheit."
Auch für die Zukunft ist der Gechichtskenner optimistisch. „Die Menschen in Ost und West werden trotz aller Unterschiede zusammenkommen", prophezeit er. Eines wünscht sich Stiewe dabei: Es muss einfach mehr Respekt geübt werden vor Anderen."

Wünscht sich mehr gegenseitigen Respekt der Menschen in Ost und West: Ralph Stiewe, Sohn des einstigen Zehlendorfer Bürgermeisters Willy Stiewe.

Martina Bellack reichte diese Geschichte ein; erschienen am 2.11.1999 in der Berliner Morgenpost