Raymund Kempf

Und dann hatte er die Idee mit dem Trecker.

"Es ging alles so schnell, damals nach dem 9.November 1989" erinnert sich der Teltower Raymund Kempf. Als er erfuhr, dass ganz in seiner Nähe am Ende der Phillipp-Müller-Allee (heute: Lichterfelder Allee) ein Grenzübergang eröffnet werden sollte, hielt es den Schmiedemeister nicht mehr länger in seiner Werkstatt. Berlin war auf einmal so nah. Schon einige Tage und Nächte vor dem 14. November standen die Menschen auf beiden Seiten der Grenze und beobachteten den Fortgang der Bauarbeiten. Aber Raymund Kempf wollte nicht warten, er wollte mittun. "Ich habe freiwillig mitgebuddelt, einfach, weil ich was tun mußte". Und dann hatte er die Idee mit dem Trecker. Noch in der Nacht vor der Grenzöffnung schraubte er an dem Lanz Bulldog, Baujahr 1934, während sein Bekannter, Fritz Wichert, zwei weiße Bettlaken beschriftete. Mit dem Transparent wollten sie an die ehemalige Straßenbahnlinie 96 erinnern, die einmal zwischen Berlin, Teltow und Kleinmachnow fuhr. Für Raymund Kempf auch eine persönliche Erinnerung. "Mit dieser Straßenbahn bin ich von 1950 bis 1953 nach Lankwitz zur Schule gefahren". Auch der alte Trecker begleitete seine Kinder- und Jugendjahre. Schon als Zehnjähriger war er damit allein über die Feldmark gefahren. Das Fahrzeug hatte sein Vater im Jahre

1934 auf der ersten "Grünen Woche" gekauft. Damals war es der erste luftbereifte 12/20 und der hatte ihn gleich überzeugt. Der Trecker war wendig und genau richtig, um das gepachtete vier Hektar große Gut Markgrafshof zu bewirtschaften. Zum Trecker und der alten 96 fällt dem Schmiedemeister noch eine Geschichte ein. Auch seine Schwester fuhr mit dem Trecker und rammte dabei die Straßenbahn zwei bis dreimal beim Transportieren von Gras, weil sie die Größe der Fuhren unterschätzt hatte. Schon deshalb waren der alte Lanz und die 96 in seiner Erinnerung zwei Dinge, die zusammen gehörten.

Als er am Morgen des 14.November mit dem Trecker in Richtung Grenze tuckerte, hatten sich bereits viele andere DDR-Bürger mit ihren Fahrzeugen auf den Weg gemacht. Langsam schob er sich nach vorn. Angesichts des Oldtimers reagierten die diensthabenden Grenzer verunsichert. "Die wollten mich nicht durchlassen". Aber die ausgelassene Schar der umstehenden Bürger jubelte und rief: "Fahr nach vorn!". Schmiedemeister Kempf ließ sich vom "Nein" der Grenzer nicht einschüchtern. Es war 8.15 Uhr als er mit seinem Lanz Bulldog von Teltow-Seehof über die weiße Grenzlinie in den Lichterfelder Ostpreußendamm rollte. Und es war das erste Nutzfahrzeug, dass die deutsch-deutsche

Grenze nach dem Mauerfall passiert hatte. Auch sein Transparent mit der Erinnerung an die einstige Verkehrsverbindung blieb nicht unbeachtet. Stadtbezirksbürgermeister Klaus-Dieter Friedrich versprach spontan: "Die Buslinie 185 wird wieder bis zur Machnower Schleuse fahren". Er hat sein Versprechen gehalten. Den Tag der Grenzöffnung werden Raymund Kempf und seine Familie nicht so schnell vergessen, denn es war auch der Tag des Wiedersehens. Er traf ehemalige Klassenkameraden und Freunde aus seiner Teltower Jugendzeit wieder. "Sie hatten uns eingeladen und wir haben bis in den Abend hinein in ihrer Lichterfelder Wohnung gefeiert". Auch zum Klub der Berliner Bulldogfreunde bekam er Kontakt, weil ein Foto das Ereignis in einer Berliner Zeitung dokumentierte. Später half der Klub bei der Ersatzteilbeschaffung, und beim Treckertreffen 1990 in Markkleeberg überreichten sie ihm einen silbernen Pokal. Noch immer hat er guten Kontakt zu den Lichterfelder Freunden. Deshalb war es auch kein Problem, als ihn ein ORB-Fernsehteam um ein gemeinsames Treffen am historischen Ort bat. Selbstverständlich war der alte Lanz Bulldog dabei. Von der Funktionsfähigkeit der alten Technik ist auch Sohn René fasziniert: "Der Trecker ist auf Anhieb angesprungen und man kann noch immer jeden Kolbenschlag mitzählen".
von K.Graulich