Richard Kühne

Mauerabbau

Abbauarbeiten durch NVA und Bauhof Kleinmachnow im Dezember 1989 in Düppel/Kleinmachnow-Benschallee/Zehlendorf.
Hintergründe zu den Arbeiten erzählt Günther Schicke.

D: "Herr Kühne, waren für Sie herannahende Änderungen – womöglich eine Öffnung der Grenze – im Sommer 1989 spürbar?

R. Kühne: Es waren deutlich Stimmungsänderungen in der Grundhaltung der Bevölkerung spürbar. Die Fälle, dass man im Betrieb, im Familien- und Bekanntenkreis hörte, dass jemand nicht „mehr da“, also ausgereist war, nahmen sehr stark zu. Die Situation erinnerte mich an die Zeit kurz vor dem Mauerbau, als die Flüchtlingswelle auch sehr stark zugenommen hatte. Für die Zurückgebliebenen übersetzte man DDR mit „Der doofe Rest“. Dass dies Anzeichen für den Mauerfall sein könnten, das hat sich wohl niemand vorstellen können.

Dass jedoch die Stimmung der Bevölkerung „aufmüpfiger“ wurde, sah man auch an kleinen Dingen: Menschen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, schmückten ihre Autoantennen mit weißem Schleierband – ein offen zur Schau getragener Code.

D: Sie hatten Westverwandtschaft und Westkontakte; was hörten Sie von dort?

R. Kühne: Dort sah man in den Medien von den DDR-Flüchtlingen in die Botschaften und später im Herbst die Montagsdemonstrationen in Leipzig; mit Erstaunen aber auch etwas Angst. Die Bilder der Niederschlagung der Proteste 1968 in Prag und auch diejenigen des gewalttätigen Eingreifens des Militärs in China gegen die Studenten auf dem Platz des himmlischen Friedens im Sommer 1989 waren gegenwärtig.

D: Wie erlebten Sie als Kleinmachnower konkret den Abend des 9. November 1989?

R. Kühne: Ich habe Schabowskis Pressekonferenz live im Fernsehen gesehen. Meine Frau hatte Elternabend in der Ernst-Thälmann-Schule, die jetzige Steinwegschule. Ich bin sofort hin und überlegte, ob ich mitten in die Versammlung platzen sollte, ließ es dann aber. Als die Eltern den Raum verließen, rief ich laut „Gabi, Gabi, komm schnell nach Hause, die Grenze ist offen, wir können rüber“.

Was natürlich auf große Verwunderung und Kopfschütteln bei den Eltern stieß.

Als wir zu Hause waren, sahen wir im Fernsehen, dass die ersten Menschen in Berlin schon rüber gingen. Als unser Sohn vom Sport kam, schauten wir weiter Fernsehen und konnten das alles kaum glauben, gingen jedoch später zu Bett. Im Zimmer hörten wir immerzu unseren 18jährigen Sohn hin- und herlaufen; er fand keine Ruhe. Plötzlich stand er im Zimmer und sagte: „Pappa, steh auf! Du hast immer gesagt, wenn solch dolle Ereignisse sind, darf man die nicht verpassen“. Und er hatte Recht.

Wir holten einen Klassenkameraden unseres Sohnes ab und fuhren Richtung Schönefeld, zur B96 bei Rudow, wo ein Grenzübergang war. Dort stand schon eine Riesenschlange von Trabis – hauptsächlich mit Kennzeichen aus dem Süden der DDR: Leipzig und sogar Dresden…. Wir ließen unseren Wagen stehen und gingen zu Fuß an der Autoschlange entlang bis zu einem großen Metalltor, vor dem ein dicker DDR-Offizier stand. Ein wenig Furcht einflößend, aber er fragte nur: „Wollen Sie rüber, ja? Na, dann kommen Sie man“. Wir gingen durch den Grenzstreifen an den Zöllern und Wachtposten vorbei, dann sahen wir schon auf Westberliner, Rudower, Seite, etliche BVG-Busse stehen, um uns DDR-Bürger nach Westberlin, vornehmlich zum Kudamm, zu fahren. Mein Sohn und sein Klassenkamerad taten dies aus.

Am nächsten Morgen ging ich nicht arbeiten, sondern stellte mich in Teltow an der Polizei an der Schlange an, um für mich und meine Frau ein Visa zu besorgen. Wir erhielten die Stempel und fuhren abends mit dem Bus nach Schönefeld und danach nach Rudow. Dort standen schon wieder die Westberliner mit Sekt und Blumen – die Freudentränen flossen. Wir fuhren nach Rudow zu unserem dort wohnenden Schwager. Auf dem Weg gingen wir in einen Reichelt-Laden, und unser 13jähriger Sohn sagte nur völlig abgeklärt: Das sieht ja aus wie ein großer Intershop.

Ja, das waren die zwei aufregenden Tage.

Am 9. Dezember 1989 wurde in Kleinmachnow das erste Segment der Mauer in Düppel, Kuckhoff-Platz, herausgenommen. Da ich an der Stammbahn wohnte und wohne, habe ich da natürlich zugeschaut. Es wurde zügig gearbeitet und noch eine Asphaltbahn gegossen. Es gab kein Halten: wir sind noch über den warmen Asphalt hinüber nach Zehlendorf.

Zwei Wochen später wurde der Übergang von Kleinmachnow nach Zehlendorf geöffnet, und zwar am Philipp-Müller-Allee, jetziger Zehlendorfer Damm.

Zu Weihnachten brauchte man keine Visa mehr; zwischenzeitlich hatten wir schon einige Zehlendorfer Laubenpiper kennen gelernt, mit denen wir gleich Silvester 1989 gemeinsam gefeiert haben. Einige Kontakte bestehen noch heute. "


Das Gespräch mit H. Kühne führte Ch. Dunkel, September 2009

Verstärkung der Mauer Sommer 1989