Winfried Winkelmann

Unsere schöne Wohnung

Meine Eltern bewohnten eine schöne sonnige 3 Zimmer-Wohnung, in einem Mietshaus in der Torgauer Strasse. 33 Jahre zuvor war mein Vater hier zur Welt gekommen. Jetzt lebte er mit seiner eigenen kleinen Familie dort, nachdem er die Wohnung von seiner verwitweten Mutter, meiner Großmutter übernommen hatte, die zu ihrer Tochter gezogen war. Erst kürzlich waren die Zimmer renoviert und neu eingerichtet worden. In diesem Zusammenhang sprach meine Mutter des öfteren von einem Innenarchitekten, der bei der Einrichtung mitgewirkt hatte, mit merklichem Stolz in der Stimme. Wenn sie nur geahnt hätte, welches Schicksal das Haus alsbald traf, wäre der Aufwand mit Sicherheit unterblieben. Denn kein ganzes Jahr nach meiner Geburt, am 1. März 1943, sank die ganze Pracht in Schutt und Asche. Der elendige Krieg hatte nun auch uns erreicht und zog uns mit in den Strudel, der zunächst nur vereinzelt den oder die Familie erfasst hatte, bald aber in einem gewaltigen Strom ganze Stämme und Landstriche mit sich riss und so viel und vieles in den Untergang trieb.

Aber noch war Stalingrad nicht gefallen, noch marodierten keine fremden Truppen im Land und noch funktionierte das öffentliche Leben wie ehedem (eigentlich bis zum Schluss). Allein meine Eltern mussten sich einer neuen Situation stellen und mit ihr fertig werden. Wie liefen diese schrecklichen Stunden ab, wie überlebten wir? Wie wurden meine Eltern damit fertig? Das sind Fragen, die angesichts des großen Unheils, das im Namen Deutschlands angerichtet worden war, in der Nachkriegszeit ziemlich vernachlässigt, wenn nicht gar tabuisiert wurden. Ich selbst hörte den Ablauf dieser Ereignisse verständlicherweise mehrmals aus dem Munde meiner Mutter, die bei allem gewisslich nicht zu beneiden war.

Zum xten Male heulten die Sirenen, wieder näherten sich gewitterwolkenartig riesige Bomberverbände von Westen her der Stadt. Bei Tausenden von fliegenden Festungen war an eine Abwehr kaum noch zu denken. Und so eilte meine Mutter zum xten Mal in den Keller, wo ein klein wenig Hoffnung auf Überleben bestand. Diesmal hatten sich die Verteidiger von Demokratie und Freiheit unsere Gegend

ausgesucht, und dabei sehr wahrscheinlich in erster Linie das nahe Gaswerk und den Bahnhof ins Visier genommen. Letzterer überstand den Angriff einigermaßen. Nur eine Menge Glas ging zu Bruch. Ich kann mich noch genau erinnern, wie es nach dem Krieg dort aussah, diese große freistehende Halle mit ihren ehemals gläsernen Seitenwänden, die vor Wind und Wetter nun kaum noch Schutz boten. Wenn wir von dort zum Baden nach Wannsee oder nach Senzig in die Sommerferien fuhren, gab sich damals auf den von Menschen überfüllten Bahnsteigen der Wind ein Stelldichein. Ja, Bahnhof Schöneberg stand, aber unser Haus war von einer Sprengbombe getroffen worden. Die schöne Wohnung war dahin, wir sahen sie nie wieder und die Hausbewohner, die des ständigen Treppensteigens müßig waren, sie überlebten den Angriff nicht. Unten im Keller aber begann sich das Leben wieder zu regen nachdem der erste Schrecken überstanden war. Auch meine Mutter richtete sich wieder vom Kinderwagen auf, über den sie sich beim ersten Krachen geworfen hatte. Manch einer der Beteiligten wird im Stillen ein Dankgebet für die Errettung zum Himmel geschickt haben. Man schüttelte den Staub aus den Kleidern und begab sich langsam zum Ausgang. Dieser hingegen existierte nicht mehr, er war versperrt, von Schutt und Trümmern. Die Rettung ließ vorläufig doch noch auf sich warten und kam erst etwas später in Form einer zweiten Bombe, die ein Loch in eine der Wände riss und somit die Freiheit ermöglichte. Meine Mutter wird nicht lange nachgedacht und möglichst schnell das Inferno verlassen haben. Erst aus sicherer Entfernung kommt man dann dazu, grübelnd über das Leben nachzudenken. Manch einer wird die Bilder nicht mehr los und Nacht für Nacht stellen sie sich ein und quälen die arme Kreatur. So hörte ich es vor einigen Jahren im Fernsehen, als eine Überlebende der Wilhelm Gustlof interviewt wurde. Glückliche Errettung - aber zu welchem Preis? Meine Mutter und ich, wir sind von diesen Peinigern gottlob nicht befallen und jetzt, da ich mich aus der Distanz von vielen Jahren damit beschäftige, wird mir das

Kuriose an dieser Situation bewusst. Ich erkenne, dass nicht nur der Mensch, wie so oft, zwei Seelen in seiner Brust trägt, dass auch eine zentnerschwere Bombe, die einzig und allein zum Töten fabriziert wurde, Leben erhalten kann, so wie ein Soldat, der gerade eine Mutter getötet hat, das Kleinkind packt, um es vor dem Untergang zu bewahren. Das Leben war wahrlich gerettet, es fing gewissermaßen von vorne an. Für zwei Menschen und einem Kinderwagen, die mit anderen Überlebenden zwischen Trümmern auf der Straße standen. Was nun? Wohin? Wer nimmt uns auf? Wie treffe ich Wiwi (mein Vater), wenn er von der Arbeit kommt? Das waren sicher die Fragen, die meiner Mutter durch den Kopf gingen, und sie tat wahrscheinlich das Richtige, als sie kurz entschlossen den Kinderwagen zum nächsten Polizeirevier schob und sich dort als obdachlos meldete. Obwohl die Polizeibeamten von ihrer Anwesenheit nicht sehr erbaut waren, ließ sie sich nicht abwimmeln und traf dort am Abend tatsächlich meinen Vater. Ihm muss der Schrecken gehörig in die Glieder gefahren sein, als er das Haus zerstört vorfand. Wo sind Frau und Kind? Leben sie? Groß war natürlich die Erleichterung, als er sie unversehrt in die Arme schließen konnte.

Meine Cousine erzählte immer gern, was sie jedes Mal sah, wenn sie in den ersten Jahren nach dem Ende des Krieges mit der S-Bahn von Schöneberg in Richtung Tempelhof fuhr. Die Vorderfront unseres Hauses war eingestürzt und hatte lediglich die Hälfte der Zimmer übriggelassen. Wie ein Puppenhaus, das freien Einblick in sein Inneres bot. Mit dem, was anfangs an Einrichtungen noch stehen geblieben war, gab es manche Intimität dem Vorbeifahrenden preis. Z.B. ein Hitlerbild an der Rückwand eines Wohnzimmers. Es soll dort noch viele Jahre lang, als das Regime längst unter den Teppich der Geschichte gekehrt war, zu erblicken gewesen sein. Unter diesen Umständen hatte der Führer freien Blick und konnte ungehindert sehen, was er angerichtet hatte. Die Cousine musste jedes Mal schmunzeln, wenn für einige Augenblicke dieses Stilleben im S-Bahnfenster zu sehen war.