Werner Szczepanski

Glienicker Brücke im Taumel der Zeit

Montags spielte ich Volleyball und einmal war das Ergebnis ein ungewollter Aufenthalt in medizinischen Räumen. Genauer gesagt: auf der orthopädischen Station des Reinickendorfer Kranken-hauses. Jahre vorher schon war der zerbröselte Meniskus entfernt worden, aber das Knie schmerzte bereits wieder seit Monaten. Es war Ernst, der Hausarzt hatte Bedenken wegen meiner Gehfähigkeit und wollte einen Blick in mein Knie. Ich schob die Spiegelung immer wieder auf, bis mir meine Frau die Einweisung vor die Nase hielt. Zum Trost besuchte sie mich öfter. An einem Donnerstagabend, der vergangene helle Tag nach der Operation war langweilig verlaufen, verabschiedete sie sich, es muss so gegen neun Uhr abends gewesen sein und verließ mich mit zwei Freunden.

der Eingriff war erst einen Tag her, legte ich mich auf die Seite und suchte, hungrig nach neuen Informationen über die Entwicklung im Osten, in der Schublade nach meinem Walkman.
Aus dem alten Ding kreischte etwas als ich einschaltete und mich sanft auf den Rücken legte. Ja, stimmt, dachte ich, es ist noch Hörspielzeit, als ich aufgeregte Stimmen vernahm. Zuerst verstand ich nichts, zu wild ging es hin und her. Dann klärte sich das Durcheinander ein wenig. Einer, der wie Schabowski sprach, sagte nebulöses wie: jeder kann, ja, jetzt und sofort.
Ich begriff nicht richtig. Noch steht der Osten und es gibt schon Hörspiele über den Augenblick des Untergangs, waren meine Gedanken. Es ging irgendwie

um Utopisches, einen Mauerfall. Ich spürte mein Knie, legte das Gerät zur Seite und schlief ein.
Um Mitternacht erwachte ich, zu intensiv waren die Träume von Verfolgten und Schmerzen. Aber vielleicht war da nur eine Ahnung, die mich dazu trieb, noch einmal das Radio einzuschalten. Sofort war ich hellwach, nur, glauben konnte ich nicht, was ich hörte. Ost und West sitzen gemeinsam auf der Mauer, sagte jemand. Gehen Hand in Hand über den Kudamm? Reden miteinander als wären sie Familie? Die warme Daunendecke schützte mich nicht mehr vor der aufsteigenden Gänsehaut. Ich musste das Radio ausschalten, wollte an die letzten Wochen denken. An die Stimmung in Leipzig, in Prag, an Betmanienkirche und an Gespräche mit Joachim.

Froh über etwas Ruhe

Dieses System, von vielen gefürchtet, von vielen getragen, gehasst und gefährlich, es sollte beliebigen die Freiheit lassen auf dem vor Unmenschlichkeit strotzenden Schutzwall zu sitzen? Ihre vierzig Jahre wurden noch pompös gefeiert, wenn auch schon versteckte Glocken läuteten. Also, vielleicht doch?
Zitternd schaltete ich wieder ein und schon war alles wahr. Berichte vom Kudamm mit Interviews von Berlinern, die sich spontan mit jedem verbündeten. Die Worte vom „Wahnsinn“, vom „nur mal gucken“ waren schon geboren und immer wieder waren Tränen, die in erwartungsvolle Mikrofone tropften. Ich weinte mit ihnen und sah „go Trabbi, go“ schon vor mir. Dann wurde es zuviel.
Ich schaltete erneut aus und überlegte

bis drei was zu tun sei, griff dann zum Knopf der Schwesternrufanlage. Die Nachtwache, ebenfalls aufgeregt, drückte mich ins Bett zurück.
„Das meinen Sie doch nicht ernst, Sie wollen jetzt zum Pariser Platz? So? Ich kann Sie nicht gehen lassen, und Ihnen helfen schon gar nicht. Warten Sie wenigstens noch bis fünf, zu dieser Zeit erscheint immer der Chefarzt, vielleicht lässt er Sie gehen.“
Ich sah es ein, doch im Bett hielt es mich auch nicht mehr. Um mich herum entsteht eine neue Welt und ich sollte hier liegen bleiben? Unmöglich. Ich stand auf, duschte, zog mich an, setzte mich vor die Tür des Chefarztes und schlief

wieder ein.
„Geht es Ihnen noch gut?“ wollte eine eindringliche Stimme wissen, und ich fühlte wie an meiner Schulter gerüttelt wurde, „Sie gehören ins Bett.“
„Dort war ich, aber kann man sich heute, an einem Tag der Geschichte, unter Federn verstecken? Ich muss dorthin wo sie geschrieben wird.“
„Sie bleiben hier.“
Ein leiser Verdacht keimte in mir. „Haben Sie gestern, spät abends, oder heute früh Nachrichten gehört?“
„Wo denken Sie hin? Ich musste mich auf den heutigen Tag vorbereiten, Sie sind nicht der einzige Patient.“
„Dann wissen Sie nichts vom Fall der Mauer?“ Der Arzt sah mich erschrocken an.
„Was, wann?“ Tränen schossen ihm in die Augen.
„Diese Nacht.“



Der Mann in Weiß suchte eilig in der Schublade, hielt mir ein Formular unter die Nase.
„Unterschreiben Sie hier, ich muss mich absichern. Vermeiden Sie auf jeden Fall Sprünge, gehen Sie nur wenige Meter, denken Sie immer an Ihr Knie. Wie kommen Sie von hier weg, wollen Sie ein Taxi?“
„Mein Auto steht vor der Tür.“
Es stimmte wirklich.
„Wann wollen Sie gehen?“
„Immer diese aufdringlichen Fragen. Jetzt, natürlich.“
Der Weiße griff zum Telefon.
„Schwester? Gleich kommt ein Verrückter zu Ihnen, die Kniespiegelung von Zimmer 5. Nein, seinen Namen weiß ich nicht, ist auch nicht mehr wichtig. Machen Sie

ihm einen neuen Verband und lassen Sie ihn gehen.“ Dann drehte er sich zu mir.
„Wissen Sie, was ich jetzt mache?“
„Ja, Sie kommen mit mir.“
Er lachte.
„Ich hole meine Frau, vielleicht sehen wir uns. Ich würde Sie leicht erkennen.“
Die Schwester war eine gute Seele und arbeitete schnell.
„Ich halte Sie nicht für verrückt, weil Sie gehen. Ich würde nicht verstehen, wenn Sie blieben. So ist das. Ich helfe Ihnen noch bis vor die Tür. Sollen wir ein Taxi für Sie bestellen?“
„Vielen Dank, nicht nötig. Das Auto eines guten Freundes wartet schon auf mich.“ Ich humpelte

mit ihrer Hilfe zum Ausgang.
„Wo parkt denn ihr Freund?“ Ich zeigte auf einen weißen Wagen.
„Das schaffen Sie noch“, machte sie mir Mut. Sie stutzte ein wenig, als ich die Fahrertür aufschloss.
„Wo ist denn der Fahrer?“ rief sie.
„Schon wieder so eine aufdringliche Frage“, antwortete ich und gab vorsichtig Gas, „auf dem Fahrersitz, wo sonst?“
Ich hatte schon im Krankenhaus bereut ohne Kamera zu sein, deshalb fuhr ich zu unserer Wohnung. Mit langsamer Fahrt hatte ich erreicht erst nach sieben Uhr in unsere Straße einzubiegen. Wollte ich doch um jeden Preis verhindern, meiner Frau in die Hände zu fallen. Dann stand ich vor den Treppen und wollte ins Dachgeschoss, dritter Stock. Aber wie?



Auf Händen und dem gesunden Bein, krauchte ich los. So war es mir sicherer. Nach halber Strecke überholte mich, mit Seife und einem Eimer Wasser für die Stufen in der Hand, Frau Braun. Ich hatte sie nicht kommen hören.
„Haben Sie was getrunken?“ fragte sie vorsichtig.
„Nein“, sagte ich, „noch nicht, aber wenn etwas Stärkungsmittel für mich in Ihrer Hausbar wäre? Ich fühle mich nicht so recht.“
Vor unserer Tür richtete ich mich langsam auf. Läutete. Noch einmal,

drehte nach zwei Minuten den Schlüssel im Schloss, nahm meine Kamera und hüpfte anschließend auf einem Bein, rückwärts, mich dabei am Geländer festhaltend, die Treppen wieder hinunter.
Der Parkplatz vor dem Reichstag schien auf mich gewartet zu haben. „Schnell, schnell“, sagte er zu mir, „beeil dich, bevor andere die zu voreilig geöffnete Mauer wieder schließen.“ Ich wunderte mich, einen sprechenden Parkplatz hatte ich noch nie gesehen. Dann reihte ich mich in sie ein, in die schwarze Schlange, die sich an

der stillen Mauer entlang zum Pariser Platz schlängelte. Auch ich war nicht fähig zu reden und hätte es doch gern getan. Wäre eine Antwort zu erwarten gewesen, hätte ich fragen können: du kaltes Herz aus Stein, wie denkst du über ihn, deinen wahrscheinlichen Untergang?
Niemand nahm auf mich und meine Krücken Rücksicht, selbst die Kleinsten der untersten Schulklassen rempelten mich ständig an- ich war einfach zu langsam. Noch langsamer war ich vor dem grauen Mauerbogen von Pariser Platz mit Brandenburger Tor.

  Pariser Platz mit Brandenburger Tor
Foto: Werner Szczepanski

Während die Anderen wie Gämse hinaufkletterten, gab es keine Idee wie ich dort oben ankommen könnte. Schließlich wandte ich mich an zwei kräftige Gestalten.

„Einen Zehner, wenn Sie mir hinaufhelfen“, versprach ich.
„Könnse nich selbst?“
„Ne, kann ick nich, bin behindat.“
„Ick ooch, wat hamse denn?“
„Det Knie“, sagte ich.
„Ach Gottchen, und dann wollnse da ruff?“
„Nee“, sagte ich, „nich wollen, ick muss.“
„Behaltn’se Ihren Zehner, wir helfen Ihnen ooch so ruff, heut ist schließlich unser Sonntach.“
Ick war jerührt, aber einfach war es trotzdem nicht. Schließlich war ich oben, da war die Geschichte.

Vor dem Tor hatte sich ein

Halbrund von etwa dreißig Vopos aufgestellt, Abstand von einander so drei Meter. Sie waren ohne Gewehre. Unvorstellbar. Vereinzelt sprangen Dumme von der Mauer, gingen auf sie zu und steckten rote Nelken in die Löcher schon verwest aussehender grüner Uniformjacken. Die vorgebeugten Oberkörper der Beschützer von Staat und Volk bebten vor Unsicherheit. Noch einen Tag vorher hätten sie für unseren Frevel an ihrer Mauer, jeden, wie auch mich, erschossen.
Ich fotografierte wie verrückt. Vereinzelt wurde gesungen, trotzdem behagte mir die Stimmung nicht. Wenn Kindergeschrei auf der Mauer alles ist, rätselte ich, was nun hörbar und erlaubt, hat sich dann lang unterdrückter Widerstand gelohnt?
Trotzdem beschloss ich noch ein paar Minuten zu bleiben.

Die Ereignisse, die sich vor und hinter der Mauer abspielten, sollten sich mir tief einbrennen. Dann war meine Kamera wertlos. Auf dem Film, meinem einzigen, war kein Platz mehr. Ich betrachtete es als Startzeichen und versuchte, die Mauer zu verlassen. Aber wie? Glücklicherweise dachte ich an den Arzt und sprang nicht. Mehrere Menschen, die mein Zaudern bemerkt hatten, fragten, was denn wäre. Dann halfen sie mir hinunter.
Langsam ging ich zum Wagen und schon im Gehen wusste ich, wohin es mich zog: der Übergang Bornholmer Straße war nicht weit entfernt. Dort hoffte ich, die von mir erwartete Stimmung zu finden. Nach wenigen Minuten hatte ich den Grenzpunkt erreicht und wurde sofort von Gefühlen überrannt. Sie waren einfach überall und jeder konnte sie greifen.



Nie zuvor hatte ich so viele Menschen weinen sehen, und danach darf es nie mehr eintreten. Jeder Trabbi, der kam, oder ging, wurde gestoppt. Fremde baten zum Reden und jeder hatte ein Rotkäppchen an der Hand. Bis in die Haarspitzen waren allen tiefste Empfindungen vorgedrungen. Für nichts anderes war mehr Platz auf der schmalen grauen Straße.
Aber ich hatte keinen Film und wollte doch so gern. Deshalb bat ich etliche Male, wollte natürlich auch zahlen. Leider wurde mein Bitten ignoriert, jeder hütete sein Zelluloid und wollte schon aufgeben, als ich hörte: „Gern, doch habe ich nur schwarzweiß.“ Mein Inneres stutzte. Ein Profi, oder einer von

drüben?
„Ja, ja, dein Gegenüber ist von drüben. Bei uns ist farbig schwer zu bekommen, obwohl ich aus der Branche bin. Was jetzt wohl anders wird?“
„Die Hoffnung ist zu früh,“ wollte ich sagen, doch meine Kehle gab nichts her. Später hatte ich den Klos verdaut und wir konnten reden. In einem Satz hörte ich: „Wie ist es so, bei euch? Ich war noch nie hier.“
„Hast du Zeit?“ fragte ich.
„Den restlichen Tag.“
„Reichen auch ein paar Stunden?“ Ich wollte noch anderes.
So kam es, das Ost und West im gleichen Wagen sitzend, den Kudamm umkreisten und schließlich bei

Möhring und seinem Gefrorenem Erfahrungen austauschten. Weil ich immer ohne Uhr bin, wies er um dreiuhrdreißig auf die Zeit.
„Ich glaube, du musst gehen. Versäume nicht wegen mir deinen Termin.“
„Das ist keine Verabredung, es ist noch wichtiger.“ Ich fuhr ihn zur Bornholmer zurück und wir versprachen uns anzurufen.
Trunken vom Erlebten, fuhr ich zu Mariannas Büro und hatte dabei ein flaues Gefühl im Magen. Ich hatte keine Ahnung, wie sie reagieren würde, wenn sie vor ihrem Büro unerwartet auf mich trifft. Nach wenigen Minuten Wartezeit öffnete sich die Tür. Marianna kam, setzte sich zu mir, gab einen Kuss und war ruhig.
„Du bist gar nicht erstaunt?“ fragte ich.



„Wieso? Ich kenne dich doch. Obwohl ich schon ein bisschen verwirrt war, als mein Chef sagte, dass er dich auf der Mauer gesehen hätte. Kann doch eigentlich nicht sein, hatte ich ihm geantwortet. Der liegt doch im Krankenhaus. Aber Bernd wollte sich wahrscheinlich auf nichts weiter einlassen und war schnell verschwunden. Soll ich dir mal sagen, was ich von deiner Aktion halte?“
„Du findest sie gut“, kam ich ihrer eigenen Antwort zuvor. Mit soviel Schneid hatte sie sicher nicht gerechnet.
„Und was machen wir jetzt?“ Marianna war klug.
„Lass uns nach Haus fahren, ich soll das Bein noch schonen.“
„Ach, auf einmal?“


Während der Fahrt schaltete ich das Radio ein, um die Stille zu übertönen, oder wegen der Ereignisse? In das Lied von der Berliner Luft hinein, gab ein Moderator bekannt, dass vor dem Schöneberger Rathaus Momper, Kohl und andere reden würden. Da es auf dem Weg lag, fuhren wir dorthin und waren schnell wieder verschwunden, als das Deutschlandlied angestimmt wurde. Es war eigenartig, die Politiker sangen dieses Lied und das Volk pfiff wegen des unpassenden Moments. Singen wäre vielleicht noch passend gewesen, aber wenn, dann: Freude schöner Götterfunken!
Wieder im Auto, kam die Nachricht, dass am Abend die Glienicker Brücke geöffnet wird. Ich sah auf

Marianna: „Ich kann nicht anders, lass uns dorthin.“
„Gut“, sagte sie, „aber nur wenn Karin und Peter mitkommen. Denkst du denn, dass ich Lust habe dich möglicherweise zu tragen?“ Ich hätte sie küssen können, denn für ihre Vorsicht hatte ich Verständnis. Übrigens auch Karin und Peter, selbst Lars wollte sich von seinem Computer trennen. Zum Tatort fuhren wir, wegen der vielen Sitze, mit unserem Bus. Schon zwei Kilometer vor der Brücke waren Probleme, kein dichteres Parkplätzchen schien es zu geben. Wir hielten und schon während des ersten Ganges fürchtete ich mich vor dem Rückweg. Auf der Brücke gab es diese Gedanken nicht, zudem war es saukalt und windig.

Glienicker Brücke

Foto: Werner Szczepanski

Auch hier war die ergreifende Stimmung aus der Bornholmer Straße. Tausende Gleichfühlender um mich herum wogten von Ost nach West und zurück und zurück und zurück. Ängstliche Vopos hatten zunächst noch versucht die Lage zu beherrschen, sahen jedoch angesichts der Masse und ihrer entwaffneten Gürtel schnell ihre Hilflosigkeit ein. So ließen sie ein Volk gewähren, dass an die enorme Bedeutung dieses Tages jetzt

nicht denken wollte. Und ich fragte mich: warum gab es diesen Moment nicht schon vierzig Jahre früher? Viel Leid wäre nicht eingetreten.
Dann, ganz plötzlich, wurde mein Knie heiß. Wir beschlossen deshalb den Abend zu beenden. Auf dem Rücken von Lars oder Peter, die sich nach jeweils zehn Metern mit meinem Gewicht ablösten, erreichten wir den rettenden Bus. Gas zu geben war

meinem rechten Bein unmöglich, ich nahm mir deshalb die Freiheit nicht zu fahren. Peter brachte uns zurück.
Freiheit? Berlin? Heute gab es für die ungleichen Schwestern -Seele und Gefühl- nur eine Stadt: Berlin! Nie werde ich vergessen wie ich mich auf der Mauer fühlte, und abends war die Glienicker Brücke wie ein Taumel in der Zeit.

Werner Szczepanski
27.1.2009