Peter Schneider

Vom Alltag an Stacheldraht und Mauer (II)

Der kleinen Schildkröte scheint es auf dem gepflegten Rasen nicht sehr zu gefallen. Sie kriecht auf ein Gebüsch zu. Der Instinkt sagt ihr vielleicht, daß sie dort geschützt sei, sicher vor den Blicken und Angriffen ihrer Umwelt. Bei diesem Bemühen beobachten sie verschiedene Zuschauer: ein Dackel, ein kleiner Junge, der neben der Schildkröte kniet, seine Mutter im Küchenfenster und der Wachtposten der „Volksarmee" drüben auf einem Hochstand hinter dem Stacheldrahtzaun, der Düppel von Klein-Machnow trennt. Auf dem Stadtplan findet man diese Grenze zwischen Autobahn-Kleeblatt und dem Teltower Damm.

Für diesen ungebetenen Zaungast drüben gleich hinter dem Haus gibt es sonst nicht viel zu sehen. Wenn er aufblickt, stellt ihm ein vergilbtes Plakat die Frage: „Sollten Sie nicht immer wieder darüber nachdenken?" Es zeigt ihm zur Illustration ein Stück Mauer mit Stacheldraht.
Dieses Bild ist gar nicht nötig. Der Uniformierte hat es ohnehin täglich vor Augen. Rechts sieht er die alten Häuschen von Klein-Machnow, die sich unter Bäumen ducken, vor sich den schnurgeraden Streifen mit rostigem Stacheldraht, Betonpfählen und schmutzigem Sand. Er denkt sicherlich darüber nach, wenn er weiter nach links hinüberblickt, auf die neuen Häuser, die Rasenflächen, die Autos und eben diese Schildkröte.
Auch Mutter und Sohn werden immer wieder daran erinnert, aber sie scheinen es gewohnt zu sein, daß Ferngläser jede ihrer Bewegungen verfolgen können. Die Grenze zwischen Westberlin und der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands ist ihr Gartenzaun. „Wissen Sie, wir sehen das da gar nicht mehr", sagt die Frau, während sie die Wäsche abnimmt. „Die Büsche sind hoch gewachsen. Auch die Leute, die da drüben wohnen, sind kaum zu sehen. Ab und zu zeigt sich einer im Fenster oder an der Tür. Wenn man sich sieht, nickt man mit dem Kopf, das ist auch alles." Dieses heimliche Einverständnis ersetzt den nachbarlichen Schwatz am Gartenzaun, den es hier nie gegeben hat.
Man ist erstaunt, daß da ein Radfahrer um die Ecke biegt und davonfährt. Manchmal hört man Stimmen oder Hundegebell, sonst ist es still, unwirklich leblos. Die Bewohner der Häuser hier an der Grenze haben es schon lange aufgegeben, auf solche Dinge zu achten. Viele Jalousien sind heruntergelassen.
Die Siedlung Düppel reiht sich an die Neuruppiner Straße im südlichen Zehlendorf. Sie ist, wie vieles in Berlin, erst in jüngster Zeit entstanden, im Dreieck zwischen Stacheldraht, S-Bahn-Linie und Andréezeile. Früher blühten hier die Schrebergärten der „Kolonie Feierabend", die nun langsam verdrängt werden. Die Lauben werden abgerissen. Bagger graben das Erdreich auf und verlegen Drainage-Rohre. Überall lagert Baumaterial.
Auch drüben sind Betonplatten gestapelt. Vielleicht sollen sie bald den Stacheldraht durch eine massive Mauer ersetzen. Zwischen den Wachttürmen pendeln Doppelstreifen auf Trampelpfaden in der Unkrautwildnis. Es sieht aus, als trennte diese Grenze auch zwei Kulturepochen voneinander. Hüben klinkerverputzte Reihenhäuser mit feierabendlich gepflegtem Blumenbeet, drüben hölzerne Wachttürme, Wolfshunde und ein verwilderter Teich, der Machnower Busch. Sein Zufluß von Norden, ein flaches Rinnsal, fließt über Beton und ist mit Gittern, Zäunen und Spanischen Reitern so abgeriegelt, daß kein Hase hier über die Grenze wechseln könnte.

Auf beiden Seiten wird das Unkraut entfernt. Aus den Fugen zwischen den Platten des Bürgersteiges zupft ein alter Mann das Gras, auf dem Zehn-Meter-Streifen eggt ein Soldat mit einem müden Pferd. Beide sind lustlos bei der Arbeit.
Die Bordsteine der Straßen Jägerstieg und Ginsterheide ragen unter Betonklötzen von der anderen Seite ins Niemandsland hinein. Der Straßendamm zwischen ihnen ist nicht mehr zu sehen. Auch auf dieser Seite führen sie nicht mehr weiter, hier wachsen Rosen.
Einst, noch gar nicht so lange her, konnte man auf ihnen nach Stahnsdort hinüberpilgern. Vielleicht zum Friedhof, wo Heinrich Zille begraben liegt. Welche Motive würde er in unserer Zeit gewählt haben für sein „Milieu"? Etwa die Stelle, wo die Benschallee in den Spandauer Weg überging? Heute gleicht sie dem Eingang zu einem alten Fort. Schießscharten drohen aus einem hölzernen Kugelfang, Baracken und Wachhäuschen rahmen sie ein.

Der kriegerische Anblick verwundert in diesem stillen Winkel, wo die S-Bahn an einem Prellbock endet, die Straße an der Mauer und fiir die Bewohner die Stadt Berlin. Jenseits liegt das alte Land Brandenburg, der heutige Bezirk Potsdam.
Wenn es dämmert, flammen überall die Scheinwerfer auf, tauchen das Stück Brachland zwischen West und Ost in ein grelles Licht. Unwillkürlich wird der Blick von dieser Lichterkette angezogen und verfolgt sie. Die Straßenlampen wirken dagegen dunkel. Trübe ist auch der Schein der Lampen auf dem leeren S-Bahnhof Düppel/Klein-Machnow. Er wirkt wie eine pommersche Landstation bei diesem Licht. In den zwei, auf rostigen Schienen schlingernden Wagen wird man aufgefordert, das SED-Blatt „Die Wahrheit" zu lesen.

Es ist gar nicht mehr nötig, man hat sie mit eigenen Augen gesehen.

Peter Schneider
erschienen in DIE WELT,
Freitag, 24. September 1965

überlassen und zur Verfügung gestellt von Martina Bellack