Renate Marks

Das große Gefängnis

Zur Zeit des 17. Juni 1953 lebte ich noch in tiefster Provinz in einem über 1000jährigen Bauerndorf im Anhaltinischen, unweit von der mittelalterlichen Stadt Quedlinburg, wo die Erde fruchtbar ist und große Bauernhöfe entstanden.

Kurz vor dem 17. Juni 1953 (Volksaufstand) wurden dort enteignete Bauern, die man als Großgrundbesitzer bezeichnete, von ihrem ehemaligen Dienstpersonal auf geschmückten Pferdewagen wieder zurückgeholt, denn in diesen Tagen dachten die Menschen, dass das kommunistische Regime seine Macht verlieren würde. Auch in der Schule nahmen wir in unserer Klasse die Bilder von Pieck und Grotewohl sowie die Losungen von Stalin von den Wänden.

Letztendlich war es aber ein Trugschluss. Der Volksaufstand wurde von russischen Panzern blutig niedergeschlagen und alles blieb beim Alten.
Nach dem 17. Juni 1953 verließen dann viele Menschen ihre Heimat. Manche ließen Grund und Boden zurück, schlossen ihr Haus ab,
warfen den Schlüssel weg und flüchteten gen Westen.
Die Bauernhöfe wurden verstaatlicht und der Slogan des Staates in der damaligen Zeit war: „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein!“

Obwohl Ulbricht sagte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“, brach er „dieses Versprechen“ am 13. AUGUST 1961.
Wir, mein Mann und ich, erlebten diesen Tag hautnah in Berlin mit. Am 12. August 1961, zu der Zeit wohnten wir in Berlin-Karlshorst (Ost-Berlin), besuchten wir den Zoopalast (Kino) in West-Berlin und schauten uns den Film „Franki und seine Spießgesellen“ an mit Frank Sinatra. Als wir aus dem Kino kamen, es war so gegen 22.OO Uhr, lasen wir in großen Lettern die Leuchtnachrichten auf dem Ku-Damm:
VOPO SPERRT S-BAHNHÖFE – ADENAUER WARNT VOR DRAMATISIERUNG DER LAGE!
Wir dachten, man hat sich wohl geirrt, denn wir sind vorher in aller Ruhe in den West-Teil der Stadt gekommen und kauften dann noch Kinokarten für den nächsten Tag, um uns im Ufa-Pavillon den Film „Die 12 Geschworenen“ anzusehen und fuhren gemütlich nach Ost-Berlin zurück.
Am nächsten Tag weckte uns meine Schwiegermutter mit einem entsetzten Gesicht und meinte, dass wir nicht mehr ins Kino nach West-Berlin kommen werden, da man die Grenzen geschlossen hat. Wir glaubten es nicht so recht und gingen mit den Kinokarten zur Grenze, wo mein Mann noch einen Polizisten fragte, ob es noch möglich wäre in West-Berlin ins Kino zu gehen, denn wir hätten doch noch Kinokarten. Er sagte mit einem lakonischen Ausdruck im Gesicht, dass wir diese Karten jetzt wegwerfen könnten, was wir natürlich nicht taten. (Leider muss mein Mann sie verlegt haben, er hatte sie extra aufgehoben, doch jetzt finden wir sie nicht mehr.)
Wir erlebten dann das Schreckliche, dass eine Mauer gezogen wurde und schon alles abgesperrt war. Die Hauptstadt Berlin wurde an diesem Tag in 2 Teile geteilt in Ost und West und somit auch unser ganzes Land. Familien wurden auseinander gerissen und fanden oftmals ein ganzes Leben nicht wieder zueinander. Auch ich habe meinen Großvater nie wieder gesehen und viele unserer Freunde erst nach vielen Jahren wieder.
Die Stadt war im Ausnahmezustand. Auf dem S-Bhf. Friedrichstraße standen Menschen mit ihrem Koffer und dachten, es noch zu schaffen in den Westteil zu kommen, zum Teil gerade von der Ostsee kommend, braungebrannt und ihren Urlaub abgebrochen. Es war für viele zu spät! Die Genossen hatten sich ihr Parteiabzeichen an die Jacke gesteckt und demonstrierten damit ihre Genugtuung. Menschen verfielen in Depressionen und betranken sich. Der Ost-Bahnhof roch stark nach Alkohol.
Als man in die Produktionsbetriebe am darauf folgenden Montag kam, vernahm man durch einen Lautsprecher unsympathische Stimmen, die verkündeten, den Sieg über den Kapitalismus und Imperialismus errungen

zu haben.
Was wir damals noch nicht dachten und uns nicht vorstellen konnten war, dass wir über Jahrzehnte, eine ganze Generation, in einem großen Gefängnis eingesperrt sein würden. Eingesperrt mit Körper und Seele, denn wir konnten nur unter Einsatz unseres Lebens diese so genannte DDR (Ostzone) verlassen und die Seele litt, denn freie Meinungsäußerung war ein völliges Tabu. Niemals konnte ich mich mit diesem Staat identifizieren. –

Das Wunder von Berlin

Als im Sommer 1989 Ungarn die Grenzen nach Westen hin öffnete, verfolgte ich die politische Entwicklung in Europa und besonders bei uns in Deutschland mit Spannung. Es war für mich der Auftakt, intensiv Fernsehen zu schauen und Radio zu hören.
In Berlin formierten sich inzwischen die Oppositionsgruppen. Dazu fallen mir 2 Namen ein. Vera Wollenberger, jetzt Vera Lengsfeld Mitbegründerin der Gruppierung „Kirche von unten“ und Bärbel Bohlei, welche die erste Dachorganisation für Frieden und Menschenrechte gründete, woraus sich dann das „Neue Forum“ entwickelte. Mit Bewunderung denke ich heute noch an diese mutigen Frauen!

Immer mehr Menschen, zumeist junge Familien mit Kindern versuchten das Land zu verlassen. Sie flüchteten in die deutschen Botschaften Budapest, Prag und dann auch Warschau und konnten nach großen Strapazen in den West-Teil des Landes gelangen, um dort in Freiheit ihr Leben nach ihrer Fasson gestalten zu können.
Wir hören alle immer noch die Botschaft, die der damalige Außenminister Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft den Menschen aus dem Osten verkündete und haben diese Worte noch heute im Ohr. Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, kam schon der Aufschrei. Endlich konnten sie dieses Unrechtssystem verlassen.
In dieser Zeit saß ich nur noch vor dem Fernseher, besonders montags saß ich wie gebannt davor und verfolgte die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Wieder waren Tausende, erst 7O Tausend, dann 15O Tausend und am letzten Montag vor dem Mauerfall waren es 3OO Tausend auf der Straße. Sie riefen immer wieder: „WIR SIND DAS VOLK!“
Auch bei uns in Königs Wusterhausen am Rande von Berlin, wo wir seit 1967 wohnten, fanden ab 18.10.1989 mittwochs in der evangelischen Kreuzkirche Friedensgebete für „Gerechtigkeit und Frieden“ statt und am 01.11.1989 demonstrierten wir, es waren etwa 1000 Menschen (organisiert durch das Neue Forum) durch Königs Wusterhausen, obwohl gegenüber das Weiße Haus, das ehemalige Stasi-Gebäude war und die Stasi uns bespitzeln oder fotografieren konnte. Ich erinnere mich noch genau, denn es war ein Abend mit einem herrlichen sternklaren Himmel und zu Hause standen die Kerzen im Fenster und symbolisierten stumm – wir wollen FREIHEIT UND KEINE GEWALT!!! –
Am 4. November war dann die Großdemonstration in Berlin. Es war so, als hätten die Menschen ihre Fenster geöffnet, um die reformwillige Luft hineinzulassen. – Und 5 Tage danach war es soweit! Ich kann es manchmal noch nicht fassen, DIE MAUER FIEL AM 9. NOVEMBER 1989 und wir können heute sagen: „UND WIR WAREN DABEI! –
Wieder saß ich, diesmal mit meinem Mann vor dem Fernseher und wir verfolgten beide weiter die Ereignisse. Zum Glück wohnten wir nicht in dem Tal der Ahnungslosen, wo man kein West-Fernsehen schauen konnte. Wir hatten die Möglichkeit, wie man sagte, in der Drei-W-Gegend – Wald, Wasser, Westfernsehen – wohnen zu können.
Schabowski hielt seine besagte Pressekonferenz. Nichts ahnend, dass das der Anfang vom Ende der Diktatur bedeutete, der Teilung Deutschlands und die Geburtsstunde Europas. Erst dachte ich, als er den denkwürdigen Zettel hereingereicht bekam, dass nur die Ausreise-willigen, die über die Botschaften gen Westen gingen, gemeint waren.
Dann kamen die Interviews. Das 1. Interview an der grünen

Grenze mit dem Auslands-Korrespondenten Dirk Sager, welcher damals Korrespondent in Ost-Deutschland war. Frage: „Und Sie wollen jetzt in der Bundesrepublik Deutschland bleiben?“ Antwort: „Nein, ich will meinen Kumpel in Hamburg besuchen“. Er hat besuchen gesagt, rief ich!?
Das 2. Interview von Ost- nach West-Berlin mit einem jungen Ehepaar. Frage: „Und Sie wollen jetzt im Westteil der Stadt bleiben?“ Antwort: „Nein, unser Junge schläft zu Hause, wir wollen nur mal schauen. Plötzlich begriff ich das Unfaßbare, es war unglaublich. -----
DIE GRENZEN SIND OFFEN!!!!! Mein Mann und ich fielen uns in die Arme und die Tränen kamen.
Ich bin heute noch dankbar, dass uns die West-Medien so geholfen haben, besonders das ZDF. Unter gefahrvollen Umständen filmten sie und berichteten den Menschen im Osten detailliert über die spektakulären Ereignisse der friedlichen Revolution.
Auch durch das ZDF bekamen wir dann mit, dass der Deutsche Bundestag inzwischen von diesem wunderbaren historischen Ereignis Kenntnis bekommen hatte. Spontan erhoben sich im Parlament alle Abgeordneten, ob in der Regierung oder in der Opposition, von ihren Plätzen und sangen die deutsche Nationalhymne, was ein sehr bewegen der Moment war. –
Unsere 2Ojährige Tochter kam um 22.3O aus dem Metropol-Theater – jetzt wieder Admiralspalast – an der Friedrichstraße und hatte sich zwar über einen kleinen Menschenauflauf gewundert und war dann aber unbekümmert mit der S-Bahn nach Hause nach Königs Wusterhausen gefahren. Wir begrüßten sie und sagten, dass sie ja schon da wäre. Sie meinte: „Mutti es ist halb 11!“ Darauf erwiderte mein Mann: „Wir dachten, Du wärst drüben!“ Wieso drüben????? meinte sie verwundert. Dann riefen wir wie aus einem Mund: „DIE GRENZEN SIND OFFEN!!!!! Sie stand da, wie zu einer Salzsäule erstarrt, kreidebleich und sagte kein Wort mehr, lief nur in ihr Zimmer und machte ihren Rekorder an. Nach kurzer Zeit erschien sie rasend schnell bei uns im Zimmer und rief: „MUTTI, VATI MAN TRINKT SCHON SEKT AN DER MAUER!“
Wortlos zogen wir uns an und fuhren an die Grenze. In der Stadt spürte man die Spannung. Uns entgegenkommende Autos und Lkws gaben uns ein Zeichen und blinkten auf.
Meine Gedanken auf dem Weg dahin wirbelten durcheinander. Es sollte wirklich wahr sein, dass wir wieder in den West-Teil unserer Stadt durften? Es war Realität! – Die Grenzposten ließen uns schweigend passieren. Nur den Personal-Ausweis mussten wir vorzeigen und dann eröffnete sich uns folgendes Bild:
Wir liefen über einen kleinen Brettersteg und rechts und links davon standen die Menschen, die West-Berliner, die uns freudig umarmten. Sie standen für uns Spalier. Unsere Tochter rief: „Bin ich hier im Westen?“ Ja, noch einen Schritt riefen die Studenten zurück und dann war es soweit! Voller Freude küsste sie die Erde und sie tanzte. -----
Wir hatten es geschafft, wir waren im Westen in West-Berlin und das nach 28 Jahren. Sie hatte als Erste eine kleine Flasche Sekt in den Händen, den Korken davon habe ich heute noch. Sie trug in dieser Zeit ein selbstgefertigtes Kleid aus rotem und schwarzem Fahnenstoff. Und wenn man dazu die langen hellblonden Haare sah, hatte sie damit unbewußt die Deutschlandfahne, also die Vereinigung Deutschlands symbolisiert. Die Studenten begrüßten uns mit Fanfaren
und dann nahm man uns mit und wir durften zum ersten Mal einen Döner essen.
Auf der Arbeit am nächsten Tag wurden wir nicht müde trotz wenigen Schlafes, die Euphorie hielt uns wach. Schon mit einer Deutschlandfahne wurde ich im Kreiskrankenhaus begrüßt. Sie hing an einem Gebäude gegenüber von meinem Sekretariat.
Erst dann wurde mir bewusst, dass wir einen der SCHÖNSTEN MOMENTE UNSERES LEBENS in dieser Nacht erleben durften und dafür sind wir heute noch dankbar, denn es war ein Wunder geschehen.
Bei Jesus in der Bibel spielte auch immer die 4O eine Rolle und dieses Wunder geschah ebenfalls nach 4O Jahren, dass diese Diktatur ihr Ende fand.