Winfried Harms

Winfried Harms aus Oerrel möchte seinen Leserbrief als Mahnung für diejenigen verstanden wissen, die sich die Mauer zurückwünschen (und das sind jüngsten Umfragen zufolge nicht wenige). Harms erinnert sich dabei an ein Geschehnis vor 30 Jahren, als er in West-Berlin direkt neben den Grenzanlagen wohnte:

Du liegst im Bett und schläfst. Durch das offene Fenster strömt kühle Luft in dein Zimmer, und du empfindest die Stille, die aus der Tiefe der brandenburgischen Landschaft kommt, als sehr wohltuend. Du schläfst fest.
Da schreckst du plötzlich hoch. Hat da nicht jemand geschossen? Wieder, in kurzen Abständen, werden Salven aus einer Maschinenpistole abgefeuert, die peitschenden Schüsse zerreißen die Nachtruhe, und ihr Rattern hallt an irgend einer Hauswand wider. Du glaubst sogar, die Kugel pfeifen zu hören, aber das mag auch Täuschung sein, denn du hattest ja noch geschlafen.
Jetzt sitzt du im Bett aufrecht und zählst in Gedanken die Salven, fünf-, sechs-, siebenmal, mein Gott, hört denn das nicht auf? Haltet ein, denkst du, er ist doch schon tot — acht-, neunmal, wenn nur ein Teil davon getroffen hätte, wäre er, der fliehen wollte, längst zerstückelt, hing er längst zerschossen zwischen den Drähten.
Deine Frau wacht auf. „Was, sie schießen wieder?" „Beruhige dich." „Es ist aber so. Jetzt, Einzelfeuer. Warum denn das?" Tack, tack, tack. „Was ist das?", fragt sie, die nur Salven kennt. Einzelschüsse. Ein Motorrad jagt vorbei, noch eins. Man ist aufgeregt drüben. Jetzt ist's aber ruhig geworden.
Die Fantasie glaubt an den Fangschuss. Dann ist alles vorbei. Was sollst du auch tun? Da ist Unrecht geschehen. Unrecht, von dem man immer so spricht. Irgendeiner wurde eben vielleicht ermordet, und du legst dich wieder hin. Aber was sollst du tun? Deine Frau schläft schon wieder, du hörst es an den Atemzügen.
Du kommst noch nicht zur Ruhe, dich kostet es noch eine Stunde Schlaflosigkeit. Dem anderen hat es vielleicht das Leben gekostet, und wieder ein anderer überlegt vielleicht, ob er mit dem Sonderurlaub, den er jetzt bekommt, nach Hause fahren soll.
Es war Polizeistunde an der „Grenze des Friedens". Berlin-Zehlendorf in irgendeiner Nacht. Man konnte im übrigen am nächsten Tag in der Presse lesen: „Im Kugelhagel nach West-Berlin geflüchtet — Unter dem Kugelhagel von DDR-Grenzposten gelang gestern früh einem 23-jährigen Mann die Flucht nach West-Berlin."

Winfried Harms
erschienen im Isernhagener Kreisblatt, 11. September 2004
überlassen und zur Verfügung gestellt:
Martina Bellack